Elbrustour 2004

Wälder, Weite, Moscheen und Basare

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Sven
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Elbrustour 2004

Beitragvon Sven » 12.09.2004 - 20:45

svens Kurzreisebericht

Die Strecke:
Deutschland-Polen-Ukraine-Russland-Elbrus
Russland-Ukraine-Slowakei-Tschechien-Deutschland
9200km in 5 Wochen (August/Anfang September)

Vorbereitungen:
neuer Paß, neuer Führerschein, da man nur so an den internationalen Führerschein kommt
Ukraine: Visa über Visazentrale ~80€/Person, zusätzliche Reisekrankenversicherung (angeblich Pflicht) ~15€/Person
Russland: Visa und Einladung über Visazentrale ~110€/Person, zusätzliche Reisekrankenversicherung (angeblich Pflicht) ~15€/Person
Visa dauern jeweils etwa 3 Wochen

Polen:
Grenze Einreise: durchgewunken
Straßen: teils neu, teils Baustelle, teils alt, viel Verkehr
Grenze Ausreise: ~30 min Wartezeit, kein Problem

Ukraine:
Grenze Einreise: könnte in 10min erledigt sein, die vielen Zöllner arbeiten aber in extremer Zeitlupe
Straßen: alt, holperig, langgezogene Dörfer, z.T. viel Federvieh auf der Strasse, wenig Verkehr, Richtungsschlider nur entlang der Hauptstrassen
Land: sehr ländlich, Städte, vor allem Odessa, schön und mit großem Basar, Südküste der Krim touristisch. Herrlich sind die Karpaten und Teile der Krim (Südküste, Assowsches Meer)
Einkaufen: entlang der Strasse wird Gemüse etc. angeboten, kleine Läden mit ausreichendem Angebot auf dem Land, in der Stadt gibts alles
Preisniveau: Diesel 35-40c/l, Gemüse ~20c/kg
Camping: Plätze nur entlang der Südküste der Krim, sehr voll, Sanitäre Einrichtungen sind unbeschreiblich. Ausnahme: Camping Delfin in Odessa (mit Bungalows) ist ok, nur sehr schwer zu finden (N46°33'27,0" E30°46'03.5"), Bus, Tram ins Zentrum, Strand 5min. Wild Campen überall sehr gut möglich
Polizei: entlang der Hauptstrassen viele Kontrollen, die meisten ok, aber auch einige nur auf Abzocke aus
Grenze Ausreise: ~3h Wartezeit, könnte in 10min erledigt sein (s.o.), versuchen abzuzocken

Russland:
Grenze Einreise: könnte in 10min erledigt sein (s.o.), nervig die KFZ-Versicherung für 50€/Monat deren Ausstellung 2h dauert, versuchte Abzocke
Visumregistrierung: hat bei uns zufällig gut und unbürokratisch geklappt (2€/Person) Notwendigkeit unbekannt
Straßen: z.T. erstaunlich gut, langgezogene Dörfer, z.T. viel Viehzeug auf der Strasse, wenig Verkehr, Richtungsschlider nur entlang der Hauptstrassen, manche Strecken duraus offroadig
Land: sehr ländlich. Herrlich ist der Kaukasus und die Schwarzmeerküste
Einkaufen: entlang der Strasse wird Gemüse etc. angeboten, kleine Läden mit ausreichendem Angebot auf dem Land, in der Stadt
gibts fast alles
Preisniveau: Diesel 20-25c/l, Gemüse ~20c/kg
Camping: Plätze nur entlang der Küste, Sanitäre Einrichtungen sind unbeschreiblich. Wild
Campen überall sehr gut möglich.
Polizei: entlang der Hauptstrassen viele Kontrollen, die meisten ok, aber auch einige nur auf Abzocke aus
Grenze Ausreise: ~1h Wartezeit

Elbrus:
sehr imposanter Berg
Allradpiste ist bis auf 3200m fahrbar, darüber völlig verfallen
Wetter sehr wechselhaft, teils gewittrig
Aufstieg über Gletscher gut, aber ich glaube wir hatten auch viel Schnee, was den Aufstieg wesentlich erleichterte
Vorsicht bei Whiteout, dann schwierige Orientierung, leicht steht man dann auf dem falschen Gletscher, GPS macht teilweise Probleme (Temperatur, Sateliten werden gefunden, GPS kann aber die Position nicht bestimmen, hatte ich sonst noch nie), Normalroute z.T. mit Stangen gekennzeichnet
Zeltplätze bei Priut11, wenige auch bei Pastuchow-Felsen
Nationalparksgebühren wurden von uns nicht erhoben

Ukraine (Rückreise):
Grenze Einreise: 3h
Grenze Ausreise: Ausreise nach Rumänien nur über Moldavien möglich, dafür brauchts ein extra Visum, das gibt es nicht an der Grenze
Ausreise Slowakei: ~30 min Wartezeit

Slowakei
Grenze Einreise: 3h Wartezeit, liese sich mit gezielter Finanzierung deutlich reduzieren
Strassen: gut
Land: hat sich erstaunlich entwickelt, Westniveau, herrliche Landschaften, nur die Zigeunersiedlungen erinnern an früher
Einkaufen: Supermärkte französischer Marke und Stiels
Preisniveau: Diesel 90c/l, Gemüse ~30c/kg
Camping: Wild Campen gut möglich.
Polizei: nix
Grenze Ausreise: idiotische Zöllner, Strafe oder eben absitzen ...

Tschechien
Grenze Einreise: nix
Strassen: gut, mal wieder eine Autobahn, Vignette ~10€/Monat
Land: etwas ossimässiger als Slowakei, viel Agrarland
Einkaufen: Supermärkte
Preisniveau: Diesel 90c/l
Camping: Campingplätze ok
Polizei: nix
Grenze Ausreise: nix

Deutschland
Grenze Einreise: Passkontrolle
Strassen: die Autobahn endet nach wenigen km im Nirvana, Sauverkehr
Land: nicht erwähnenswert
Einkaufen: Supermärkte
Preisniveau: Diesel 90c/l
Camping: auserordentlich regulierte und teure Campingplätze mit Gartenzwergen
Grenze Ausreise: hoffentlich bald


Tipps (oder was ich beim nächsten Trip machen werde):
Vom Fahrzeugschein und dem internationalen Führerschein Kopien machen und diese vorlegen. Sollten die Verhandlungen mit einem Bullen zu langwierig werden, diese dann einfach dalassen.

Reisecharakter:
Sehr lohnend, aber viel Fahrerei, macht aber Lust auf mehr Osten. Auch wenn die Strecke nicht so extrem weit ist, man kommt nur relativ langsam voran und sitzt entsprechend länger hinter dem Steuer. Eine Marokkoreise bringt auch leicht 10 000km auf die Uhr, aber da reißt man die ertsten und letzten jeweil 2 500km auf der Autobahn ab ...
Jawohl, die Ukraine ist das größte Land Europas und man durchquert das Land seiner Länge nach, da tun sich ganz neue und in Zentraleuropa unbekannte Entfernungen auf.
Die Grenzen sind teilweise sehr nervig und zeitaufwändig, Polizeikontrollen manchmal auch, aber das hält sich in erträglichen Grenzen.

Sprache:
Ausser der Landessprache oder Russisch dürfen keine Fremdsprachenkentnisse erwartet werden.
Auch ohne Russischkenntnisse kann man reisen, trozdem werde ich für den nächsten Trip büffeln.

Wetter:
kaum mal Regen gehabt, sehr angenehm warm, nur am Ende meldete sich der Herbst in den Karpaten mit Frost

Fahrzeug: Rudi war mal wieder fast optimal, was größeres wäre mir zu auffällig. Nur die platzierung der Lima müssen wir noch optimieren.

Negatives: Autan-resistente Moskitos in unvorstellbarer Menge ... stellenweise schlimmer als in Finnland

Gedanken:
Die Reise erweitert den geistigen Horizont ungemein, die Welt geht im Osten wirklich weiter. Die Länder am Ostrand der EU haben sich in den letzten Jahren rasend entwickelt, besonders überrascht hat uns dabei die Slowakei (nur mit den Zöllnern haperts noch gewaltig!). Wie es aber da wohl in Zukunft weitergeht bleibt spannend zu beobachten.
Im Kaukasus waren wir teilweise nur wenige km von Gebieten entfernt, in denen immer noch Bürgerkrieg tobt, wie leider die aktuellen Geschehnisse wieder extrem zeigen. Wie kann man in einer solch herrlichen Landschaft so veruchte Kriegsgedanken haben?

historische Gedanken:
Die ganze lange Reise führte uns durch Gebiete die vor 60 Jahren deutsch besetzt waren, und die waren noch wesentlich weiter im Osten als wir jetzt. Was die so weit weg von zu Hause wollten, wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben ...

Einen herzlichen Dank an die Mitreisenden für die super Atmosphäre, es hat immer mit euch Spaß gemacht, und wir haben dadurch so viel neues gelernt!

Grüße
sven

PS:
Pläne: klar wieder hin, mit mehr Zeit und dann weiter bis zum Baikal ... und dann "unten rum" über Georgien etc. wieder zurück.
Ist die Katze gesund,
freut sich der Mensch!
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Matthias
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Beitragvon Matthias » 16.09.2004 - 09:03

Abenteuer Weite
Eine Fahrt zum Kaukasus und zurück

Man muß sich darauf einlassen. Sich dagegen wehren ist schon fast wie aufgeben.
Es hat etwas mit Langmut zu tun, die riesigen Entfernungen einer Fahrt durch Polen, die Ukraine und durch Russland zu ertragen. Auch die Weite der Landschaften muß eine Entsprechung im Inneren finden. Vielleicht ist die Weite überhaupt ein innerer Vorgang.
Der endlose Horizont, die immer gleichen Strassen – zumindest auf den Fernverbindungen, die Baumreihen und die riesigen Felder, die Dörfer mit den weit zurückliegenden Häusern und Zäunen und Gärten, die Kilometerangaben, die manchmal stundenlang nicht nennenswert abnehmen: Es beginnt gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze. Wenn man sich besonders darauf geeicht hat, sogar schon bei Bautzen.
Manchmal gelingt es, die „Lebensfunktionen“ auf ein Minimum herunterzuschrauben. Nur noch fahren, Richtung 90 oder 100 Grad, also nach Osten/Südosten. Auf Schlaglöcher und Polizisten achten und auf die Geräusche des Fahrzeugs. Sonst nichts. Nichts denken, nichts sagen. Der Beifahrer döst oder schläft sogar oder hat seinen Player eingestöpselt.


6.8.2004 Freitag
Sven und Moni stellen ihren „Rudi“ in unseren Garten. Vollgepackt, Boot und Dachbox obenauf und mit defektem Radio. Unser Dormobil ist immer noch nicht fertig gepackt. Tausend Kleinigkeiten schwirren noch im Kopf rum. Vergiß bloß nichts! Wir fahren in den Osten! Wer weiß...
Kilometerstand 296808

7.8.2004 Samstag
Abfahrt der beiden Pajeros. Im Dormobil Matthias und Milan. Jemand bleibt zurück. Auch Haus und Garten. Chemnitz – Dresden – Bautzen – Görlitz. Am Autohof Kodersdorf fast zeitgenaues Treffen mit der L 300-Familie, mit Klaudius, Heike, Freya und Max. Grosse Umarmungen, Vorfreude. Und weiter: Grenze – Boleslawiec (Bunzlau) – Wroclaw (Breslau) – Gliwice (Gleiwitz) – Bytom. Treffen mit Gregor, dem Schulfreund von Klaudius. Er leitet uns auf einen Campingplatz am See bei Tarnowskie Gory. Ringsum Wettstreit der Lautsprecher. Techno ist angesagt. Es wummert die ganze Nacht lang. Erstes gemeinsames Lager, Kochen, Trinken, Erzählen.
Kilometerstand 297476

8.8.2004 Sonntag
Nach Sonntagsei wieder auf die „Trasse“: Katowice – Krakow – Tarnow – Rzeszow – Jaroslaw – Krakowec (Grenze zur Ukraine). Neuer Grenzübergang, Abfertigung im Zeitlupentempo, Hupkonzert, Stempel, Bekanntschaften. Nach 5 Stunden sind wir drüben. Wenige Kilometer nach der Grenze – es wird schon dunkel – verschwindet Klaudius auf einem sandigen Weg in den Kiefernwald und wir schlagen unser Lager auf einer kleinen Lichtung auf.
Kilometerstand 297868

9.8.2004 Montag
Sven schraubt an seiner Bremse, irgendwas ging schwer. Einfahrt nach Lviv (ehemals Lemberg). Wir parken im Zentrum unter der Aufsicht und nach Bezahlung eines freundlichen Wächters. Altes Kopfsteinpflaster, ungerade Strassenbahnschienen, einst glanzvolle Häuser und Plätze. Strassen wie in der Filmkulisse, die alten Farben. Eine wunderbare, lebendige Stadt, zumindest da, wo wir sie erlebt haben. Ein Rynok mit allem, was der Mensch braucht, auf einmal Enge und Gewühl. Aber vor der Stadt wieder das weite Land. Ternopil – Chmelnickij – vor Vinnicija biegen wir nach Süden ab, um den ersten nicht existierenden Campingplatz dieser Reise zu suchen. Wir bleiben schließlich am Rand eines riesigen Stoppelfeldes mit fürstlichem Blick in den Sonnenuntergang. Die Zufahrt das erste Mal mit Allrad, keiner stört uns. Rohrweihen schweben über den Stoppeln. Ein Fuchs im letzten Licht.
Kilometerstand 298319

10.8.2004 Dienstag
Über kleine Wege und durch schlammige Dörfer und nach ersten Orientierungsfragen zurück auf die Trasse. Uman – Uljanovka – Pervomajsk („Die Stadt des 1. Mai“ – gibt’s oft) – entlang des Bug – Voznesensk – Mikolaiv. Camp in einer alten Sandgrube S der Stadt zwischen Kiefernwald, Bahnlinie und Meer (bzw. Bug-Mündung). Die ersten Schwarzstirnwürger (viele Hundert haben wir gesehen auf der Reise!), ein gemütlicher Abend.
Kilometerstand 298829

11.8.2004 Mittwoch
Warum klappern unsere Bremsklötze nur so erbärmlich? Wir diagnostizieren 3 bis 4 mm vertikales Spiel im Schacht und einigen uns auf „unerheblich“. Sie haben die ganze Reise über den Strassenzustand angezeigt. Weiter nach S. Meine ersten Rotfußfalken. Blauracken, Tausende von Saatkrähen in den Sonnenblumenfeldern, Schotter und Staub. Bei Stanislaw das erste Mal richtig am Strand. Interessante Vögel im Fernglas, während Sven aus einem alten LKW-Schlauch eine zweite Gummihülle um seine kaputte Achsmanschette zaubert. Erste Blicke auf die Kinburnska Kosa, unsere „Wolfshalbinsel“ am Horizont. Herrliches Mittagessen in Cherson, Autos auf bewachtem Parkplatz bei Hotel Fregat, Bummeln und Schauen. Es wird viel restauriert und renoviert. Wasserfassen bei einer Autowaschanlage. Die grosse Brücke über den breiten Dnjepr – Chjurupinsk – Hola Prystan und weiter nach W auf immer kleiner und einsamer werdenden Strassen. Asphalt bis Heroiskje, dann ein Netz von Sandwegen. Kiefern, wiegendes Gras, Zikaden. Camp direkt am Ufer W Wassilevka zwischen Weidengebüsch, Wermut, Strandflieder und Queller. Stelzenläufer und Uferschnepfen, rufende Grünschenkel.
Kilometerstand 299028

12.8.2004 Donnerstag
Ein alter Mann landet mit seinem Boot an und schenkt uns Fische. Als „Gegengeschenk“ bekommt er eine Flasche Rotwein. Dann eine endlose Rede von den Deutschen und vom Krieg und einigem Unverständlichen. Wir schwanken auf Sandwegen weiter nach W Richtung Spitze. Niedrige Kiefernwälder, Dünen, Brandflächen. Am Strand, den wir uns menschenleer gedacht hatten, grosse Überraschung: zahlreiche Badegäste, Feriensiedlungen wie aus dem Nichts. Erstaunlich! Aber es bleibt genug Platz am endlosen Sandstrand. Weicher Sand auf den letzten Kilometern bis zur NW-Spitze. Dann ein Zapovednik-Schild, Naturschutzgebiet mit Betretungsverbot zur Brutzeit im Frühjahr und – oh Wunder – schon wieder Badende. Die werden mit Booten von Ocakov an der gegenüberliegenden Küste gebracht und fahren abends wieder heim. Kormorane hocken auf den Netz-Gestellen vor der Küste, Bienenfresser und Wiedehopfe und blaue Kugeldisteln an unserem Weg. Am Strand entlang ca. 10 km von der Spitze weg nach SE. Mühsamer Aufstieg über den Dünengürtel. Das Dormobil wird zu zaghaft bewegt und muß aus dem Sand befreit werden. Mückenreiches Camp im Kiefernwald. Fische und Schokopudding. Ein Ziegenmelker schnurrt nachts.
Kilometerstand 299072

13.8.2004 Freitag
Morgen-Exkursion mit vielen schönen Beobachtungen. Warum gibt es im niedrigen trockenen Kiefernwald so viele Pirole? Küstennah weiter Richtung Pokrovka. Vorbei an flachen Lagunen und austrocknenden Seen mit Pelikanen, Reihern und Seeschwalben. Der Schwimmpanzer will unbedingt ins Wasser, aber seltsamer Weise trägt das Salzwasser des Schwarzen Meeres recht schlecht. Nach zwei Stunden Bergung will auch Rudi noch ein Bad nehmen: Rein ist es kein Problem, raus kommt er nur mit Hilfe von Gurten und Blechen und Dormobil-Kraft. Durch wunderschöne Lagunenlandschaft („Da müssen wir im Frühjahr noch mal hin!“) zurück nach Heroiskje. Asphalt, Seufzer und wieder nach Osten. Hola Prystan – Skadovsk – Armjansk. Dort die Reste des „Perekopskij Val“, einer alten „chinesischen Mauer“ zum Absperren der Krim aus griechischer Zeit. Krasnoperekopsk, Wasserfassen an der Tankstelle, Camp am Krim-Kanal Nähe Voinka.
Kilometerstand 299347

14.8.2004 Samstag
Getrennte Wege: Die Pajeros fahren Richtung Jalta, der L direkt nach Feodosija, um eine Bleibe für Heike und die Kinder zu suchen, während Klaudius mit zum Elbrus weiterfährt. Wir schaukeln also über Pervomaijske an endlosen Melonenfeldern und -verkaufsständen vorbei nach Bachcysarai, einer alten türkischen bzw. Krim-Tataren-Stadt mit einer stark trennenden Eisenbahn und einem herrlichen Markt. Wie machen sie es nur, daß es in der Fleischhalle mit dem vielen offen daliegenden Fleisch keine Fliegen gibt und keinen schlechten Geruch? Kuybischev – Sokolyne und dann eine grandiose Pass-Strasse bis auf 1200 m. Dichter Laubwald, Wasser und eine bukolische Landschaft vor dem Abstieg nach Jalta. Der Blick von der Passhöhe leider in Wolken. Wir suchen und finden das „Schwalbennest“ mit Tausenden von Gleichgesinnten, aber im sanften Abendlicht. Der Wächter einer Hotelbaustelle bewacht unsere Autos für 10 Griwna. Seltsame Landesplanung: viele, wirklich viele Bauruinen, auch grosse und andererseits Baustellen. Ob die Hotels alle ausgebucht sind? Ein Gewirr von übereinanderliegenden Küstenstrassen, Andenkenstände mit Muschelketten aus Fernost. Wir suchen und finden nicht den Campingplatz „Märchenwiese“ oberhalb Jalta. Das Schild steht noch an der Hauptstrasse, aber der Platz ist einem Hotel gewichen und wir campen wieder mal ohne (echte) Dusche (nicht böse sein, Rudi!) und ohne (echtes) WC im Wald wie offenbar schon viele vor uns und sicher noch viele nach uns. Roastbeef, Kaviar und Krimsekt: wie geht es uns gut! Ein Tiger ruft aus dem nahen Zoo, ein gewaltiges Feuerwerk leuchtet bis zu uns herauf und ein lautes Gewitter folgt. Keine Mücken.
Kilometerstand 299646



15.8.2004 Sonntag
Weiter an der Küste entlang nach NE. Gleich hinter Jalta begegnen wir zufällig der frustrierten L-Besatzung: Sie haben von Feodosija bis hier nichts Vernünftiges gefunden. Strände voll, Hotels ausgebucht, jetzt Hoffnung auf die Märchenwiese. Wir können’s gar nicht glauben. Die Fahrt über Aluschta – Sudak und weiter bestätigt dies aber. Unglaublich volle Strände. Zelte, Wagen, Planen dicht an dicht in vielen Reihen hintereinander. Wo sind die Toiletten...? Die Orte sind dreckig und trist, aber voller Leben. Weinbau in den Tälern. Hinter dem berühmten Karadag, vor dem vier Gänsegeier kreisen, finden wir aber eine schöne Stelle für die beiden Pajeros auf einer Landzunge östlich Planerske. Ein strammer Wind beginnt, Rudis durchweichte Fussmatten zu trocknen. Aus den geöffneten Abflußlöchern tropft stundenlang Salzwasser. Eine SMS kommt von der L-Familie: Sie bleiben zusammen, Klaudius kommt nicht mit zum Berg, wir sollen allein weiterfahren Richtung Kaukasus und „Berg Heil!“. Wir müssen ziemlich schlucken, aber die Entscheidung scheint sinnvoll. Natürlich werden wir weiterfahren.
Kilometerstand 299816

16.8.2004 Montag
Feodosija – Kertsch. Nochmal endlose Weite. Felder, aber auch Steppe. Irgendwo im Norden lockt die Arabatskja Strilka, die 100 km lange Landzunge, die wir uns für den Rückweg vorgenommen haben. Vor Kertsch eine unangenehme Polizeikontrolle, bei der wir Milans schönes Fahrtenmesser und einen saftigen Euro-Betrag wegen illegalen Waffenbesitzes loswerden. Ich verhandele nach allen Regeln der Kunst und kann so zumindest die Alternative „Advokat/Gefängnis“ abwenden. Auch die Strafe ist verhandelbar. Vielleicht hätte ich noch eine weitere Stunde Geduld haben sollen, aber sich so unwürdig in den Händen von Ganoven zu befinden, halte ich nicht unbegrenzt aus. Zollhof Ukraine – Fähre – Zollhof Russland: Insgesamt verbringen wir fast acht Stunden dort. Verlorene Lebenszeit! Es ist dunkel, als wir fast schlafwandlerisch bei Peresip (östlich „Flamingo“) an der Küste des Asowschen Meeres eine Art Campingplatz mit Ferienhäuschen, Klo und Waschbecken finden. Die Stimmung steigt wieder bei gutem Essen aus unseren Küchen und einer Flasche polnischem Bison-Wodka. Gewaltiger Sturm aus Nordosten.
Kilometerstand 300001 (!!)

17.8.2004 Dienstag
Wir sind in Russland! Auf eigener Achse! Wir vertragen uns gut, wir sind gespannt auf den Kaukasus, die Autos laufen, Sturm weht, Sonne scheint. Was will man mehr? Vielleicht kommt die L-Besatzung ja doch noch... Aber nun kommen erst mal die richtig grossen Entfernungen: Temrjuk – Krasnodar – Ust Labinsk – Kurganinsk – Armavir – Nevinnomysk. Die Strassen sind sehr gut, jedenfalls im Vergleich zu den ukrainischen, aber die Weite macht selbst uns Erfahrenen zu schaffen. Mittags verstecken wir uns in einem mehrreihigen Windschutzstreifen. Mal für eine Stunde kein Horizont und keine schnurgerade Straße! Die Polizei lässt uns unbehelligt. Bei Perevalny, 40 km vor Mineralnye Vody fahren wir ein Stück in die Wermutsteppe hinaus, tauchen vom Weg in eine kleine Senke hinunter und Rudi gibt eine Runde warmes Duschwasser aus. Frisch geduscht im hohen Steppengras, die Sonne versinkt blutrot im fernen Westen. Weit weg die Lichter der Fernstraße. Wir sind dankbar und wohlgemut.
Kilometerstand 300559

18.8.2004 Mittwoch
Steppenweihen und Zitronenstelzen um uns herum. Muß doch ein ganzes Stück von daheim sein! Weiter durch die Ebenen. An Min Vody vorbei und Pjatigorsk. Irgendwann steht Baku auf dem Wegweiser. Ganz ganz allmählich heben sich Hügel aus der Fläche. Der Blick nach Süden erahnt so etwas wie die ersten Vorberge des Kaukasus. Ein Nieselregen verdeckt alles weitere, aber wir erreichen bei einem grossen Kreisel mit Polizisten hinter Sandsäcken endlich das Baksan-Tal, das zum Elbrus führt. Schlagartig ändert sich das Landschaftsbild: Ein wilder Fluß, Felswände, überweidete Hänge, die erste Klamm, moslemische Dörfer, Gänsegeier und Adlerbussarde in der Höhe, Ziesel zwischen den Steinen. Zweimal werden wir registriert, d.h. etwas mühsam in ein Buch eingetragen. Aber es gibt keinen Stempel in den Pass. Tyrnyauz – Elbrus – Terskol. Wir steigen und steigen. Die ersten Schneegipfel und in Terskol ein leckeres Schaschlik an der Seilbahnstation. Lisa Pahl, die wir eigentlich treffen wollten, ist nicht zu Hause. Aber gegenüber, beim Trafohäuschen, finden wir den Einstieg in die „Elbrus-Chaussee“: Jetzt wird’s ernst! Ein steiler, sehr steiler Schotterweg. Enge Kehren, atemberaubende Blicke. Untersetzung, zweiter Gang, manchmal erster. Die Motoren arbeiten mächtig: beim Foto- und Umschau-Halt steigt die Außentemperatur-Anzeige auf 60 Grad (Sensor in der Stoßstange). Endlich, nach einer Kurve, zeigt sich der Elbrus. In strahlendem Weiß und immer noch verdammt weit oben. Obwohl wir schon auf 3000 m geklettert sind. Auf einem Sporn vor uns das Pik Terskol Observatory (mit einem Zweimeter-Zeiss-Teleskop). Ein wenig weiter können wir die Chaussee noch fahren bis zu einem wunderbaren Sattel in 3200 m Höhe, wo wir zwischen Blumen und Steinen unser Lager aufbauen. Verdammt, warum bekommt man denn keine Luft? Beim Tee wehmütige Vogelrufe aus dem Hang über uns. Nicht zu fassen: Kaukasische Königshühner – legendäre Wesen unter den Ornis! Eine ganze Gruppe/Familie. Zehn zählen wir mit Hilfe des Spektivs. Oft habe ich sie im Buch angeschaut und mich gefragt, ob wir wohl mal eines sehen werden. Und jetzt, nach nicht mal einer Stunde, beobachten wir sie, bei einer Tasse Tee und russischen Keksen... Wir sind high!
Kilometerstand 300805

19.8.2004 Donnerstag
Elbrus-Camp. Die Bergausrüstung wird ausgepackt und durchgesehen. Nachmittags steigen wir gemeinsam über die verfallene Prijut 105 bis zur verfallenen Meteorologischen Station am Rand des Gletschers auf: 3900 m. Eine Schinderei in der ungewohnt dünnen Luft. Aber es wird langsam besser. Die Innenräume der Prijut und der Station sind voller Schnee, ansonsten Trümmer und Müll aller Art. Die Gipfelgruppe (Sven, Moni und Milan) probieren die Steigeisen und das Seilgehen aus: Für zwei Stunden verschwinden sie auf den Gletscher. Ich setze mich mit dem Fernglas zwischen ein paar Felsblöcke und warte nicht lange auf gute Vögel: Mauerläufer, Alpenbraunellen, der ersehnte Riesenrotschwanz und der Berggimpel, Alpensegler... Das Orni-Herz ist beglückt. Weit oben über dem Gletscher segeln zwei Kolkraben.

20.8.2004 Freitag
Elbrus-Camp. Unsicheres Wetter, deswegen erst mal keine alpinistischen Aktivitäten. Aufräumen, aufschreiben, Wasser holen, kleine Reparaturen. Ein Bartgeier kreist über unserem Lager. Nachmittags bricht die Seilschaft dann doch auf. Sie wollen bis zur Meteo-Station, dort übernachten und morgen je nach Wetter weiter. Viele Wolken, manchmal ein paar Regentropfen, aber auch blauer Himmel. Nachts Regen, Graupelschauer und Gewitter.

21.8.2004 Samstag
Elbrus-Camp. Die Drei sind bis Mittags nicht zurückgekommen, also sind sie wohl wie geplant weiter gegangen in Richtung Pastuchov-Felsen. Eins der Funkgeräte ist bei der Anfahrt kaputt gegangen, deswegen können wir uns nicht unterhalten. Für evtl. Handy-Kontakt haben wir 18 Uhr vereinbart. Ich benutze eifrig das Fernglas und kann schöne Beobachtungen ins Notizbuch eintragen. Seit Mittag zeigt sich der Elbrus-Gipfel immer wieder, die Wolken werden weniger. Vielleicht schaffen sie es! Im letzten Abendlicht verschwinden die letzten Wolken. Meine zweite einsame Nacht im Camp beginnt sternklar und kalt.

22.8.2004 Sonntag
Elbrus-Camp. Nach Mitternacht Wetterleuchten ringsum. Morgens sind alle Gipfel in Wolken und es hat bis auf 3500 m herab geschneit. Ich fürchte, sie haben es nicht geschafft. Am Hügel oberhalb des Camps tauchen zwei Kaukasus-Steinböcke auf, offenbar ein Weibchen mit Jungtier. Um 15 Uhr kommen die Bergsteiger zurück: Sven und Milan sind nachts bis auf 4900 m aufgestiegen, haben im Schneesturm noch eine Stunde biwakiert und sind dann wieder zurück zu den Zelten, wo Moni geblieben war. Etwas enttäuscht sind sie schon und ziemlich ausgepumpt. Alles ist nass und kalt. Aber unter der Plane, die wir vor Rudi aufspannen, steigt bei einem guten Essen die Stimmung wieder und wir sind sicher, daß der Berg noch länger stehen wird.

23.8.2004 Montag
Elbrus-Camp. Das wäre nach der ursprünglichen Planung der Gipfeltag gewesen. Und, siehe da: Morgens ist der Himmel wolkenlos. Der Gipfel steht in voller Schönheit in der Morgensonne! Mit dem Spektiv verfolgen wir Kolonnen von Bergsteigern, wie sie sich im Zeitlupentempo über die Schneeflächen vorarbeiten. Das Gedränge auf dem Gipfel muß gewaltig sein... Bei uns grosses Aufräumen und Aufbruch. Wohl jeder lässt einen kleinen „Koffer“ dort stehen an diesem Traum-Platz. Zurück über die Elbrus-Chaussee (auch bergab nicht ganz ohne!), noch mal Schaschlik in Terskol (dieses Mal mit Parkplatz-Gebühr). Vergebliches Bemühen, in Tyrnyauz die Registrierung zu bekommen, 50 Rubel „Schtraf“, weil das Dormobil zu schnell ist und langsam das Baksan-Tal wieder zurück. Kurz auf die grosse Trasse Richtung Pjatigorsk, aber bei Malka biegen wir nach SE ab, um uns einen Weg durch den Nord-Kaukasus zum Kuban-Tal und nach Karachaevsk zu suchen. Schlaglochreiche, grobe Strassen. Hinter Habaz bleiben wir in einem Bachtal bei einem verfallenen Kuhstall. Abends erscheint noch der Besitzer mit Jeep und Fahrer und flotter Musik im Radio. Er hat nichts dagegen, daß wir bis morgen auf seinem Grund bleiben. Grosse Stille nachts. Milan kämpft leider etwas mit seinem Magen, was wir auf die Anstrengungen am Berg schieben und er auf das Schaschlik.
Kilometerstand 300996

24.8.2004 Dienstag
Wieder zurück nach Steinbrückendorf (Kamenomostkoje), denn unser Weg geht nicht weiter. An der Brücke links nach Kicmalka, dann eine lange Schotterpiste über weite grasige Hügel bis zu einer Miliz-Station oberhalb Dolina Nazarov. Eigentlich wollen sie uns ja nicht durchlassen, aber wir sind freundlich und zeigen unsere Autos und das Vogelbuch und – naja, für 200 Rubel würden sie’s machen. Wir wollen endlich weiter und signalisieren Zustimmung, aber dann hebt sich der Schlagbaum auch ohne Maut. Grandioser Abstieg in einem engen Tal bis Dolina. Dort aber alles verschlossen, so arbeiten wir uns weiter voran nach W Richtung Hasaut. Großartige, einsame Landschaft mit vielen, richtig vielen Greifvögeln. Hinter Hasaut Mittagsrast am Bach, dann im Bachbett ächzend und knirschend weiter bis zu einer alten Paßstraße, die wir auf der Karte gefunden haben. Der Himmel verfinstert sich, als Sven und ich das erste Stück ablaufen und Steine aus dem Weg räumen. Aber es bleibt trocken und unsere braven Autos bringen uns im Kriechgang bis auf das Hochplateau – 2400 m hoch. Es sieht aus wie in der Mongolei: ein riesiges weites Land, ein paar dünne Stromleitungen und wenige Herden. Grandioses Panorama-Camp mit Elbrus-Blick, im Aufwind segelnden Wiesenweihen und Kaiseradlern und einem Rachmaninoff-Klavierkonzert aus Rudis CD-Radio und einem doppelten Regenbogen. Königlich!
Kilometerstand 301099

25.8.2004 Mittwoch
Über das Plato Becasyn sehr offroadig und schön langsam bis zu den Kiefern-Birken-Urwäldern, durch die wir auf völlig verfallener und ausgewaschener Piste zum Chudez absteigen, einem Nebenfluß des Kuban. Die Wälder sind voller Vögel, ich sehe endlich den Wacholderlaubsänger, und es „riecht“ nach Braunbär. Unterhalb von Elbrusskij treffen wir auf den Kuban (der bei Temrjuk ins Asowsche Meer fließt) und bald sind wir in Karacaevsk. Einkauf, Geld wechseln, weitere ergebnislose Versuche, einen Registrierungsstempel zu bekommen. Teberda-Tal – Kurort Dombai. Dort biwakieren wir neben dem offiziellen „Camping-Platz“, der völlig überfüllt ist mit Wildwasser-Kanuten, die sich zu einer Championship versammelt haben. Das ist aber unser Glück, denn im Express-Büro bekommen wir am nächsten Morgen die „ersehnte“ OVIR-Registratija: Ein Beamter reist extra aus Karacaevsk an mit seinem Stempel und wir gehen als Kanuten durch. Dass die 72 Stunden, innerhalb derer man sich eigentlich nach dem Grenzübertritt abstempeln lassen müsste, längst vergangen sind, spielt keine Rolle.
Kilometerstand 301237

26.8.2004 Donnerstag
Leider keine Zeit mehr für Wanderungen im Teberda-Tal. Zurück nach Karacaevsk, massive Militär-Präsenz, viele Kontrollen. Den Grund dafür (Beslan) erfahren wir erst zu Hause. Nach W bis Psebaj. Von dort wollen wir versuchen, über den Pseaso-Paß nach Krasnaja Poljana und zur Küste bei Adler zu kommen. Aber hinter Nikitino endet unsere Fahrt an einer Sperre. Sehr freundliche Soldaten, aber man bräuchte eine spezielle Erlaubnis für den Weg. Wir könnten gerne weiterfahren bis zur nächsten Sperre, aber dort stünden sie mit Panzern und Halbautomaten und würden uns nicht durchlassen. Da in zwei Tagen das Visum abläuft, lassen wir einschüchtern und fahren über Majkop und Apseronsk Richtung Küste. Hinter Hadycensk suchen wir einen Platz für die Nacht, was in einer kernigen Schlammwüste mit halbmetertiefen Traktorspuren endet. Aber erstaunlich: die ATs fräsen sich irgendwie durch und wir erreichen eine rettende Grasinsel – die Autos völlig zugeschlammt und tropfend. Ein Waldkauz ruft und der Mond schaut durch die Wolken und wir gehen nicht ganz sauber in unsere Betten.
Kilometerstand 301667

27.8.2004 Freitag
Provisorische Autowäsche im Bach. Tuapse mit Mittelmeer-Flair und einem riesigen, aufregend schönen Markt. Abschied von der kaukasischen Einsamkeit und ein wenig Heimweh. Küstenstraße bis hinter Psada und das erste Mal auf einen „richtigen“ Campingplatz bei Betta. Ca. 500 Zelte/Familien dicht an dicht. Am Strand Bars und Vergnügungseinrichtungen. 1000e von grossen Libellen jagen über dem Platz. Milan stürzt sich ins Nachtleben und lernt ein paar junge Russen kennen: Es gibt einigen SMS-Verkehr die nächsten Tage. Wir sitzen bei Wein und Obst vor unseren Autos, als der Nachbar herüberkommt, sturzbetrunken, aber mit einem gewaltigen Mitteilungsbedürfnis. Er redet ununterbrochen, zehn Minuten ohne Punkt und Komma. Ich verstehe wenig, aber es bewegt ihn unerhört, daß wir Deutsche mit unseren Autos nach Russland kommen, so weit, wo wir es doch so gut haben zu Hause, alles so sauber dort, er weiss es von seinem Bruder, der war mal in Deutschland, und eigentlich waren wir doch mal Feinde und er versteht das alles nicht, wie konnte es nur dazu kommen... Nach einer halben Stunde kommt er noch mal, nachdem er sich mit seiner Familie, seinen Freunden besprochen hat. Da ist noch was. Irgendetwas aus unserer gemeinsamen Geschichte, was ihn aufrührt. Plötzlich der Name Katyn und ich ahne, was in ihm vorgeht: Die Fragen um das Katyn-Massaker. Dort haben Sowjets um 1940 wahrscheinlich über 10000 polnische Offiziere erschossen – mit deutscher Munition und haben jahrzehntelang die deutsche Wehrmacht dafür verantwortlich gemacht. Ein grauenhaftes Kapitel! Die Wahrheit zählte zu den Opfern. Er wankt wieder davon, der Nachbar. Dürfen wir seine Rede als Liebeserklärung im Gedächtnis behalten?
Kilometerstand 301864

28.8.2004 Samstag
Weiter an der Küste. Rudis Lichtmaschine arbeitet nicht. Mehrfach werden die beiden Batterien getauscht, das Solarpaneel auf dem Dach liefert zumindest genug Strom für das Magnetventil, so daß er aus eigener Kraft bis zur Grenze kommt. Durch die Zollhöfe und auf die Fähre schleppen wir ihn. Die Grenze schaffen wir diesmal in drei Stunden: wenig Verkehr, fast entspannte Atmosphäre. Mit einem ukrainischen Zöllner rede ich über Fussball und die Welt und er gibt uns den Rat („only advice!“), unsere Autos zu waschen, denn die ukrainische Polizei sei besonders und jeder wolle leben... Haben wir nicht gemacht. Der Dreck war doch unser ganzer Stolz. Von Kertsch Richtung Asowsches Meer. Camp nördlich Baherove zwischen Weidengebüsch und duftendem Wermut – wieder mal.
Kilometerstand 302124

29.8.2004 Sonntag
Auf kleinen Feldwegen zur Küste. Schöne offene Landschaft mit vielen Vögeln: Steinschmätzer, Wiedehopfe, Lerchen und Pieper, Schwarzstirnwürger. Hunderte von schwer zu bestimmenden Möwen auf einem flachen See. Wunderbare Buchten mit Sandstrand, ein „Hippie“-Lager mit grossen Zelten und gemauertem Brunnen. Wir finden eine einsame Bucht mit einem festen grasigen Standplatz: Gut für die anstehende Reparatur der Lichtmaschine. Deswegen „Lima-Bucht“. Arges Gefummel, viel Dreck und Korrosion, aber wir finden eine feste Kohle und machen alles wieder gangbar und sauber. Mit Erfolg! Ein ununterbrochener Zug von Kormoranen (und Krähenscharben?) vor der Küste. Wir geniessen das Meer und die Wellen. Fast wie Urlaub. Eine Plane wird zwischen die Autos gespannt für etwas Schatten.
Kilometerstand 302214

30.8.2004 Montag
Die Boote werden aufgebaut und zu Wasser gelassen – im gelben Hartboot hat sich eine Fledermaus verkrochen. Wir paddeln und segeln ein paar Meilen die Küste entlang nach W. Lauter schöne Buchten, meist einsam. Im Sand liegen, die kleinen Herzmuschelschalen durch die Finger gleiten lassen, an den Kaukasus und an die Heimfahrt denken und in der Sonne einschlafen. Wir bleiben noch eine Nacht.

31.8.2004 Dienstag
Erdige Wege, ein verlassener Flugplatz, Einkauf in Cistopilija, Wasser vom Bauernhof. Einige belebte und unbelebte Ferien-Objekte, lange Sandstrände. Noch ein Einkauf in Scolkine, wo es alles gibt und am Steilufer entlang nach Kamjanske, zum Beginn der Arabatskaja Strilka. Eine verlassene Polizeistation (wie schön) und Ende des Asphalts. Erstaunlicher Weise können wir einfach weiterfahren. Keiner hält uns auf, keinen interessiert’s. Einsame parallele Sandwege mit Wellblechabschnitten. Links die Lagunen und Tümpel des Sivas-„Meeres“ mit Queller, Schilf und vielen Vögeln in der flimmernden Weite. Rechts der endlose Sandstrand, 100 km lang. Dorthin flüchten wir uns abends vor den massiven Mückenwolken. Die Tische und Stühle stehen direkt am Wasser, ein leichter Seewind treibt einen Teil der Mücken von uns weg. Trotzdem wird der Abend nicht so richtig gemütlich. Watvögel – Gäste aus dem hohen Norden – stochern am Strand. Wir sehen Steinwälzer, Sanderlinge, Flussuferläufer, einen Dunklen Wasserläufer und Alpenstrandläufer.
Kilometerstand 302285

1.9.2004 Mittwoch
Morgens statt Mücken massenhaft kleine Fliegen. Nebel über dem Wasser, kaum Wellen. Wir fahren ein paar Kilometer am Strand entlang, aber bald wird es zu weich und wir müssen wieder auf die Fahrspuren. Stundenlang bleibt die Landschaft gleich. Riesig, endlos, weit. Auch hier muß das Frühjahr grandios sein. Und wahrscheinlich mit weniger Mücken. Vor dem Nordende bei Henicesk scheußliche Plattenbauten und Feriensiedlungen und Bauruinen. Eine Betonpiste, eine Brücke, die Eisenbahn. Irgendwie findet unsere Reise hier ihr Ende, spüre ich. Jetzt kommen wieder die grossen Trassen und die grossen Entfernungen. Über Novotroizke nach Askania Nova, einem Reservat in der Steppe. Vom deutschen Baron Falz-Fein um 1860 gegründet. Przewalski-Pferde, die letzten Wildpferde wurden dort vor dem Untergang bewahrt und rückgezüchtet. Heute gibt es einen kleinen Tierpark, eine grosse halbwilde Pferdeherde und eine wissenschaftliche Station. Den Tierpark mit seinen schönen Bäumen, Blumenrabatten und gekehrten Wegen geniessen wir, sehen in der Ferne die Pferde und ein paar Hundert Kraniche. Vor dem Tor ein Wasserhahn für unsere leeren Kanister, dann auf einem golden glänzenden Asphaltband in die Abendsonne. Vor Novokamjanka Camp an einem See mit Fischzucht und nicht stechenden Mücken. Rudi hat wieder eine warme Dusche bereit. Auch unser Solarsack ist gemütlich warm.
Kilometerstand 302518

2.9.2004 Donnerstag
Noch gemeinsam bis Cherson. Dort trennen sich unsere Wege. Milan möchte noch ein paar Tage Ferien daheim haben. Auch mich zieht es heimwärts. Sven und Moni wollen gemütlich über die Slowakei und Tschechien nach Hause bummeln. Sie haben noch etwas Zeit. Also umarmen wir uns vor der Bank, in der wir noch einmal Geld tauschen und verlieren uns bald im dreispurigen Stadtverkehr. Einen Punkt habe ich noch: Isajevo, ein ganzes Stück nördlich von Odessa. Also fahren wir wieder über Mikolaiv und über Mikolaivka und suchen auf den schlechtesten Strassen der ganzen Reise das Dorf, in dem 1898 Pjotr Konstantinowitsch Leschenko geboren wurde, der grosse russische Tango-Sänger. Bis in die Fünfziger Jahre war er so populär wie kein anderer emigrierter Sänger, besonders in Russland, obwohl dort seine Platten offiziell gar nicht erhältlich waren. Dem sozialistischen Aufbau war seine Musik nicht dienlich, sie war melancholisch, traditionell und – konterrevolutionär. 1954 starb er in einem Straflager bei Bukarest. Sein Dorf hat ein schiefes Ortsschild, ein paar staubige Wege und kleine Häuser hinter hohen Zäunen. Es gelingt mir mit meinen bescheidenen Russisch-Kenntnissen nicht, sein Geburtshaus zu finden. Keiner kennt Leschenko, einen Hinweis oder gar eine Tafel finde ich nicht. Also halten wir uns wieder an seine Musik. Um den Autobahn-Baustellen bis Uman auszuweichen, suchen wir uns eine Straße über Balta nach Haisyn. Irgendwo verpassen wir einen Abzweig, der Weg wird immer schmaler, schließlich in einer Senke Kühe zwischen Traktorspuren und das Dormobil steckt im Schlamm. Fluchend holen wir die Bleche vom Dach und mit viel Untersetzung und Sperre gewinnen wir wieder festen Grund. Eine neue Farbe hat sich über den nordkaukasischen Schlamm auf unserem Lack gelegt: wirklich sehenswert! Einsames Camp in einem alten Steinbruch. Schrecklich, so ohne Reisegefährten! Aber es ist still und wieder stört uns keiner.
Kilometerstand 303011

3.9.2004 Freitag
Ab Nemyriv wieder auf der grossen Strasse. Vinnicija – Chmelnicki – Ternopil – Lviv. Völlig entspannter Grenzübertritt im Abendlicht. „Paris – Dakar?“ sagt der Beamte und schaut fast ein wenig anerkennend auf unser Auto. Nach 30 min sind wir in Polen. Ein paar Kilometer hinter der Grenze bleiben wir zwischen Kiefernwald und Schonung. Das letzte Mal Abendessen am weissen Tisch und das letzte russische Bier aus der Zweiliterflasche.
Kilometerstand 303672

4.9.2004 Samstag
Polen im Transit. Fast wie im Schlaf. Um 17 Uhr sind wir in Görlitz und beschliessen, durchzufahren bis nach Hause. Dort wartet ein hell erleuchtetes Haus auf uns und ein warmes Essen und die Dusche und das Bett.
Kilometerstand 304658
Zuletzt geändert von Matthias am 17.10.2004 - 15:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Sven » 16.09.2004 - 09:50

Herrlicher Bericht Matti, genau so wars, vielen Dank! Dem ist nichts hinzuzufügen.

Leute, ist euch aufgefallen, wie selten die Phrase "keine Mücken" darin vorkommt?

Grüße
sven
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Robby

Beitragvon Robby » 16.09.2004 - 11:06

Hallo ihr Reisenden,

nachdem ich nun mit Maiky alle verfügbaren Berichte mit Interesse gelesen habe,
(denn gern wär ich dabeigewesen), freue ich mich nun sehr auf die Illustrationen
am Wochenende. Interessant sowohl die Fakten- wie auch die Stimmungsberichte.
Sehr schön geschrieben. Meine Gedanken, gewiss sehr viel Fahrerei speziell am Anfang,
etwas zu wenig Bewegung für mich, aber ich weiß,auf einer Reise mit so entferntem Ziel
lebt man viel mit den Augen und Ohren und etwas weniger mit den Beinen.
Danke auch für die SMS Reportage.

Herzliche Grüße Robby
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Beitragvon Beda » 16.09.2004 - 21:19

Hallo Matthias,
Soooo ein schöner Bericht!
Da wird mir ja ganz merkwürdig....
.....und ein bischen neidisch.
Etwas mehr Flora und Fauna haben wir uns in Island manchmal schon gewünscht.
Mehr als einmal haben wir festgestellt, daß die Wüste gegen Teile von Island sehr belebt ist.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
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Beitragvon Matthias » 26.09.2004 - 22:48

Hier noch ein später Beitrag, eine Mail von Liza aus Terskol:

"Hallo Matthias,

Vielen Dank fuer deine Mail. Schade, dass ihr nicht bis zum Gipfel gekommen
seid, bei einer so langen Anreise. Dafuer habt ihr aber natuerlich auch mehr
gesehen als mit einem Flug.

Falls ihr naechstes Jahr wiederkommen moechtet helfen wir euch natuerlich
gerne. Schreibt einfach wieder, bevor ihr kommt.

Herzliche Gruesse, Liza www.go-elbrus.com"
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Beitragvon Spati » 27.09.2004 - 17:07

Hi,


vielen Dank für die tollen Reiseberichte, sie werden begierig gelesen und mit erlebt.

Da möchte man am liebsten wieder den Urlaubsschein abgeben und los gehts.
Leider ist das Urlaubsbudget fast aufgebraucht.

Wenn man die vielen Osteuropa Berichte liest fange ich innerlich an die Hauptreiserouten von Süd nach Ost zu drehen. Mal sehen.

Eine Frage war da noch, was war das eigentlich für eine Geschichte mit dem illegalen Waffenbesitzes an der Grenze ? Hört sich, auch im nachhinein, nicht spassig an. Messerklicnge zu lang oder Signalmunition zu stark :lol:

Viele Grüsse
Spati
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Beitragvon Sven » 27.09.2004 - 19:48

Da möchte man am liebsten wieder den Urlaubsschein abgeben

nein, die Kündigung! Da braucht man hauptsächlich Zeit, das Geld reicht recht weit.

Hauptreiserouten von Süd nach Ost

vorsicht, das macht süchtig!

illegalen Waffenbesitzes

Milans Messer war einfach zu schön, der Polizist wollte es haben ... etwa 1h Palaver, Messer und 70€ weg (Matti, ich hoffe ich durfte das verraten :oops: ), Auto 2x dursucht, Spaßfaktor gering.

Grüße
sven
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Beitragvon Gast » 27.09.2004 - 20:25

Hallo.

Wir sind ja ein paar Tage später an dieser Abzocker-Polizeikontrolle kurz vor der Grenze UA-RUS vorbeigefahren. Vorgewarnt durch die Kollegen per SMS (danke!) haben wir unsere Hepe (Machete) aber auch das Funkgerät versteckt.

Kontrolle: Ein junger Polizist, daneben ein zweiter. "Guten Tag, die Papiere bitte. Ja, hmmm, Pässe ok. Die Fahrgestellnummer, wo ist die?". Ich zeige und versuche zu erklären. "Aha, da auf der Seite? Gut". Nummer angeschaut. "Alles klar. Auf Wiedersehen." Ich richtig aufgeatmet, dass wir die erste Kontrolle schon mal problemlos passiert haben, mach den Motor an und will losfahren da kommt ein dritter Polizist aus dem Häuschen (wohl der Cheff dieser Wegelagerer) und deutet den anderen, sie sollen mich aufhalten. Ich bleibe also stehen, nichts Gutes ahnend.

"Worum geht es?" frage ich. "Die Delle in der Tür, haben Sie eine Bescheinigung, dass das nicht in der Ukraine passiert ist?". Ich - "Was für eine Bescheinigung? Leute, das ist mir doch zu Hause passiert, in Deutschland, ist doch ein Geländewagen, könnt Ihr doch sehen, dass der nicht geschont wird.". Aber es nützt nichts. Es heisst Papiere mitnehmen und ins Häuschen mitkommen. Umstellt von drei Bewaffneten, die keinen sympathischen, wenn auch keinen wirklich gefährlichen Eindruck gemacht haben. Dann wurde mir ein Gesetztestext vorgelesen, wonach es in der Ukraine ein grosses Verbrechen sei, so was nicht zu melden, ohne Bescheinigung rumzufahren.

Ich erkläre um mich ein bisschen zu schützen, dass ich ihm nicht folgen kann, den Text nicht verstehe er bleibt aber unbeirrt, bis er den Paragraphen durch hat. "Und was jetzt?" farge ich. "Ja, das ist ein grosses Problem.". Der andere mischt sich ein "Komm' bei den Leuten sind doch die Pässen und alles in Ordnung...". "Nein" sagt der Natschalnik (Cheff) "so geht das nicht". Na ja, 20 min hin-und-her, ich ziemlich unsicher, was noch folgen wird. "Was kostet das also, wie hoch ist die Straf'?" frage ich. Und da machen sie einen Trick (wie ich mir später erklärt habe) und erklären mir, dass sie die Höhe nicht bestimmen können, weil das eben so ein grosses Problem ist mit der "Fahrerflucht" und in Russland sowieso, da kriege ich auch noch Probleme. "Wir müssen mit Dir aufs Revier (oder so was)" sagt der Natschalik. "Da werden wir sehen, ob es eine Straf' gibt oder was" und gibt dem anderen Autoschlüssel, damit dieser mit mir aufs Revier fährt. Ich also leicht in Panik geratend, weil ja die Familie da alleine im Auto wartet und ich keine Ahnung habe, was so ein "Ausflug" bedeuten kann.

"Sagt doch mal, was das kostet. Könnt ihr nicht doch die Straf' hier bestimmen? Leute, da war doch die Lettland-Trophy (ich hole aus) und da ist das passiert." . Usw... Dann geht der Natschalnik raus und ich bleibe mit den zwei anderen alleine. "Komm' nimm was von ihm und lass' sie fahren. Bei den ist doch alles ok" sagt der eine. "Wieviel hast Du dabei? Wieviel Mark?" . "Nicht Mark!" korrigiert der andere "die haben jetzt Euro" ;). Da erst kappierte ich (ich Spätzünder) wie der Hase läuft. "Also Euro habe ich keine dabei, nur Hrivna..." (habe in weiser Voraussicht die EUR tatsächlich im auto gelassen). "Ja ok, wieviel hast Du dabei?". Ich überlege kurz und zeige den etwa 1/4 (~15 EUR). "Das ist zu wenig" sagt der zweite "Es soll noch mehr geben". Ich lege noch drauf auf ~30 EUR. Sie stecken sich das Geld hektisch ein. "Hier sind Deine Papiere, ihr könnt fahren, aber pass' auf, dass der Natschalnik euch nicht sieht". Ja, ja, denke ich mir ;) und gehe am Natschalnik zu meinem Auto direkt vorbei.

Ich muss sagen, dass sie mich wirklich ausgetrickst haben mit dem "Wir müssen mit Dir aufs Revier", aber in diesem Moment habe ich es wirklich geglaubt und mir mittlere Sorgen wg. der Trennung von der Familie gemacht (Frau alleine mit zwei Kindern unter solchen Wegelagerern).

Heike sagte dann, dass man diese Leute eigentlich anzeigen müsste, ans Konsulat schreiben sollte oder so was. @Matthias und Sven: was haltet Ihr davon? Wir könnten immerhin nicht-anonym von diesen Vorgängen an die entsprechenden Stellen berichten?

Und jetzt zur Beruhigung - abgesehen von diesem Grenzübertritt (eine letztendlich lustige Geschichte von da für 10 EUR habe ich noch) ist uns keine schlimme Abzocke oder irgendwelche Bedrohung auf dieser Reise begegnet. Und als wir ein paar Tage später an diesem Kontrollposten in der umgekehrten Richtung fuhren, da stutzte der eine Polizist, erinnerte sich an die Delle im Auto, kam näher, ich sagte "Komm, das habt ihr schon abkassiert :)", er lachte und winkte uns aus der Warteschlange und wir konnten einfach so ohne weitere Kontrollen weiter fahren.

Das Auto hat uns keiner durchsucht. Im Gegenteil - alle Polizisten und Zöllner haben Rücksicht auf unsere zeitweise schlafenden Kinder genommen und nur flüchtige Blicke reingeworfen. Vielleicht hat die aber auch nur der zünftige Zwiebelgeruch abgeschreckt, der dem Speiseabtei der Schlafkiste im Kistomobil entströmte, denn wir haben da gemüsemässig königlich gelebt ;).

Auf der russischen Seite war von Korruption keine Spur, dafür zünftige Bürokratie, aber auch eine gewisse Art von Ordnung. Die Zöllner waren da auch freundlicher zu uns und den Kindern, der eine hat sogar ein bisschen deutsch mit uns gesprochen und dann nur noch geflüstert, als er unsere Kinder schlafen sah.

Also, diese Grenze war schon ein besonderes, im Nachhinein lustiges, aber vor Ort sehr strapazierendes Erlebnis, vorallem beim ersten Übertritt.


Grüsse - kp
Zuletzt geändert von Gast am 27.09.2004 - 20:51, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitragvon Matthias » 27.09.2004 - 20:36

Privjet kp!

Nach Deinem Bericht bin ich mir ganz sicher, daß wir es mit den selben Typen zu tun hatten. Besonders den Satz "Grosses Problem" habe ich mindestens 20 mal gehört während meines heldenhaften Einsatzes um unsere Freiheit. Und das mit dem Geld lief auch ähnlich. Nur, daß ich derjenige war, der gehandelt hat. Nämlich von 200 Euro auf 70. Immer noch viel zu viel, aber wir haben es durch billiges Tanken (20 cent) und wahrlich sparsame Lebensweise (man kann sonst einfach nichts ausgeben) mehr als wieder "reingeholt". "Spesen grosser Zeiten" halt.

An die Anzeige habe ich natürlich auch gedacht. Aber irgendwie ist mir bei den Erfolgsaussichten die Zeit dafür zu kostbar.

Gruß
Matti
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Beitragvon Gast » 27.09.2004 - 20:44

Privjet!

So ein untersetzter, etwa 40jähriger Typ und zwei bis drei jüngere "Assistenten"? Ja, ja, die haben schon ihre Methoden, diese Banditen! Euch haben sie vermutlich "Illegalen Waffenbesitz" vorgeworfen und gesagt, dass das normalerweise mit Gefängnis endet oder so? Aber so passt das wieder, weil illegaler Waffenbesitz gibt bei Messern unter 40 cm nicht unter 2 Jahre Haft, die Fahrerflucht bei Blechschäden aber nur 1 Jahr, also etwa wie 70 EUR zu 30 EUR. Alles ok, also, die Umrechnung machen sie wenigstens korrekt ;).

Also, Anzeige in diesem Sinne nicht, weil ich will mich ja nicht mit denen prozessieren oder sowas, aber eine Meldung, vielleicht an die deutsche Botschaft in der Ukraine und dann auch an eine ukrainische Stelle (vielleicht nennt die Botschaft was?). Den Namen der Banditen habt Ihr Euch sicher aber auch nicht geben lassen? Na macht nichts, wir haben ja das Datum und die vielleicht einen Dienstplan. Also - ich bin dafür, dass wir ein Schreiben formulieren mit unseren beiden Erlebnissen und es an die entspr. Stelle schicken. Wer weiss, vielleicht gerät es zufällig einem Revisor in die Hände, weil ja jetzt Regierungswechsel oder zumindest Präsidentenwechsel bevorsteht... An der westlichen UA-Grenze, zu Polen also, waren die Verhältnisse ja auch ganz anders.

Übrigens - als wir dann in RUS endlich eingereist waren, da wusste ich noch für drei Tage meine Passnummer auswendig. Ich, der sich Zahlen überhaupt nicht merken kann, aber da musste ich soviele Zettel damit ausfüllen, auch für meine zwei Kinder, also alles dreifach, dass es einfach hängen blieb. Zum Glück löscht das Gehirn solchen Ballast wieder von alleine :).


Gruss - kp, der die Ukraine, das Land der Zettelwirtschaft, aber dennoch sehr sympathisch findet.
Hendrik

Beitragvon Hendrik » 28.09.2004 - 07:16

Guten Morgen,

nach fast identischem Muster ist auch diese Einreiseabzocke "Führerschein" letztes Jahr
in Rusland bei Narva gelaufen. - "Grosses Problem" - "Reise hier zuende" -
so waren auch die Worte. Inzwischen habe ich mir überlegt, dass man vermutlich
mit Ruhe das alles durchstehen sollte, denn ich nehme an, dass die im
Hauptquartier nicht wirklich sowas mitspielen würden. Die "Cheffes" sind nur
in ihren kleinen Kontrollstation die "HErrscher" und habe sich ihr "Business"
entwickelt.

Damals hats 70 Euro gekostet...

Übrigens passiert sowas scheinbar nur an "KAnälen", bei denen mit
bestimmter Regelmäßigkeit Toristen vorbeikommen.

(Wo genau war "Eure" Kontrolle - bis Kertsch haben wir nix gesehen.)

Gruß

HEndrik
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Beitragvon Sven » 28.09.2004 - 08:31

Hallo,

die Kontrolle ist an der Hauptstrasse ganz kurz vor Kertsch oben auf den Hügel, bevor es runter in die Stadt geht. Militär und Poizei gemeinsam, und da es Grenzgebiet ist haben die so ziemlich alle Befugnisse.

Ich hatte mit Leuten telefoniert, die sind mit nem VW-Bus ums schwarze Meer gefahren, und die hatten mich auch davor gearnt, die hatten 70€ wegen eines Beils gezahlt ... hatt nur in dem Moment nicht mehr dran gedacht.

Melden: denke das bringt gar nichts, wenns jemand im Land wissen wollte könnte er das ...

Mein Tip: einfach nördlich unfahren, so wie wir dann später aus Kertsch rausgefahren sind, ist eh viel schöner.

Einen hab ich noch: kurz vor Odessa wieder Polizeikontrolle. Angeblich sei meine Straßenbenutzungserlaubnis abgelaufen - 422hr, also etwa 60€. Ich zeig dem Typ den Vogel und viele Papiere und innerhalb von 2 Minuten einigen wir uns auf 17hr = knapp 3€. Da hätte man noch weiterdiskutieren können, aber ich wollte weiter, 3€ wars mir wert.

Aber am besten fand ich immer noch Mattis Straf für 53 kmh in der 60er-Zohne :lol: in RUS, Ideen und Kreativität haben die Abzocker schon.

Grüße
sven
Ist die Katze gesund,
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Hendrik

Beitragvon Hendrik » 28.09.2004 - 09:12

Hi Sven,

du meinst also oben auf demBerg, wo diese riesengoßen Buchstaben
"Kertsch" stehen hinter der rechtsseitigen Tankstelle,
richtig?

Da war bei uns niemand - ich bin sogar mit dem Mopped auf dem
Fussweg bis an diese Buchstaben rangefahren, damits fürs Foto
besser passt.

Gruß

Hendrik
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Beitragvon Gast » 28.09.2004 - 09:32

Hallo.

"Unsere" Kontrolle war direkt vor der Grenze, ca. 250 vorm Grenzzaun, eine Art DAI-Station, dahinter dann der grosser "Warteparkplatz" mit Imbiss, Fährenkasse usw. Nach Kertsch sind wir nicht über die grosse Hauptstrasse reingefahren, sondern haben (PDA sie Dank) eine südliche Parallelroute genommen. Sonst in und um Kerstch keine Kontrollstellen gesehen.

Hendrik hat geschrieben:Inzwischen habe ich mir überlegt, dass man vermutlich
mit Ruhe das alles durchstehen sollte, denn ich nehme an, dass die im
Hauptquartier nicht wirklich sowas mitspielen würden. Die "Cheffes" sind nur
in ihren kleinen Kontrollstation die "HErrscher" und habe sich ihr "Business"
entwickelt.


Vermutlich hast Du Recht. Aber da braucht man natürlich starke Nerven. Mit der jetzigen Erfahrung könnte man es drauf ankommen lassen, doch ich war mir vor Ort NICHT sicher, KEIN anhängbares "Verbrechen" begangen zu haben...


Gruss - kp
Zuletzt geändert von Gast am 28.09.2004 - 09:47, insgesamt 1-mal geändert.

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