Die Autonauten auf der Kosmobahn - Eine zeitlose Reise Paris – Marseille

Print- und andere Medien

Moderatoren: hapaai, Matthias, Schlappohr

Benutzeravatar
Beda
Werkstatt-Mod
Werkstatt-Mod
Beiträge: 11240
Registriert: 19.08.2002 - 20:58
Wohnort: Lalo (Langenlonsheim)
Kontaktdaten:

Die Autonauten auf der Kosmobahn - Eine zeitlose Reise Paris – Marseille

Beitragvon Beda » 20.08.2017 - 18:40

Hallo zusammen,
es scheint sich um ein wunderbar schräges Buch zu handeln:

Bild
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_auto ... 22481.html
Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel.

Gelesen habe ich es nicht nur diesen Artikel:


Autobahnraststätten: Ommmmm
Wer an Autobahnraststätten nur eben mal anhält, lässt sich das Beste entgehen. Nirgendwo sonst findet man diesen Frieden abseits von Raum und Zeit. Anja Rützel hat die Welt hinter dem Randstreifen erforscht.
Von Anja Rützel
16. August 2017, 17:00 Uhr Editiert am 19. August 2017, 18:27 Uhr DIE ZEIT Nr. 34/2017, 17. August 2017

Die Ränder der Käsescheibe auf dem liegen gelassenen letzten Brötchenbissen wölben sich schon, im Kaffeebecher schwappt nur noch ein kalter Schluck. Die angekrampften Waden sind gelockert, der müde Kopf ist durchgelüftet. Ein Schlenker zu den Toiletten, auf dem Rückweg schon mit dem Autoschlüssel geklimpert, dann hole ich mir ein frisches Getränk und suche einen neuen Platz. Ich sitze ja noch keine zwei Stunden in der Autobahnraststätte Linumer Bruch, meine Pause hat gerade erst angefangen.

Heute morgen bin ich losgefahren, einfach los, von Berlin vage nach Westen. Eine Reise des Rastens soll es werden, hin zu den Orten, von denen die meisten Menschen nicht schnell genug wieder wegkommen können. Eine Expedition an die Stellen, an denen Reisende und Rollende kurz die Pausetaste drücken. Linumer Bruch ist die erste Rausfahr-Chance auf der A 24 in Richtung Hamburg, der Name klingt zugleich nach wildromantischer Waldlichtung und komplizierter Fraktur, das gefällt mir. Es ist wenig los, drinnen stehen mintgrüne Stühle und leere braune Clubsessel aneinandergedrängt wie schüchterne Schafe, draußen sitzen zwei Familien und essen Grillwürste. Ich setze mich mit meiner Orangenlimo an den Nebentisch. Sehr durchschnittlich hier, wie schön.

Ich will nicht zur den prominenten Raststätten reisen, zu den besten und schlechtesten der alljährlichen Rankings oder zu jenen mit besonderen architektonischen Ambitionen, denn am besten ruht man sich im Schoß der Erwartbarkeit aus, dort, wo es keine Ablenkungen und Aufregungen gibt.

Nach der Limo steige ich wieder ins Auto, rege mich über ein neues weinerliches Lied von einem dieser Säusler im Radio auf (Bendzko? Giesinger? Poisel?), trinke einen Kaffee in Walsleben und esse einen Riegel Pfefferminzschokolade in Prignitz. Meine peinlich blindfleckigen Deutschlandkenntnisse helfen mir dabei, mich zu verlieren. Schon nach wenigen Pausen habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin.

Autobahnraststätten sind Nicht-Orte – diesen Begriff liest man fast immer, wenn jemand über diese Anspül- und Auffangbecken entlang der großen Reiserouten nachdenkt. Ausgedacht hat ihn sich der französische Philosoph Marc Augé. Er meint damit Punkte, an denen Menschen aufeinandertreffen, ohne sich zu begegnen. Der Einzelne erscheine dort als Teil eines gigantischen Reisenden-Rudels, sei aber in Wahrheit schrecklich allein. Stimmt nicht, finde ich, nachdem ich den Abend in der Raststätte Dammer Berge zugebracht habe, die sich quer über die Autobahn spannt: Selten konnte ich die Menschen um mich herum so intensiv und ungestört studieren wie hier, wo sich ganze Familienstrukturen bereitwillig für blitzsoziologische Mutmaßungen vor mir auffächern.
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34/2017. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Da sind die Kinder am Greifarm-Abzockautomaten, die die Mutter (mit nachlässig unter den Arm geklemmtem Yorkshire-Terrier) hastig zum Hartgeldwechseln an die Kasse schickt: "Schnell, sonst kommt der Papa, dann geht es nicht mehr." Die Familie aus Vater-Mutter-Teenagertöchtern, sämtlich toastbrotbraun und mit leicht großzahnigen Dauerlächelgesichtern, die sich einen großen Teller Pommes teilt. Der Mann hat seine nackten Füße auf den Beinen der Frau abgelegt, es ist ein bisschen unappetitlich, wie sie vertraulich seine nackten Zehen befühlt, als suche sie den richtigen Griff auf einer Panflöte.

Die Töchter gehen Softeis kaufen, und die Eltern machen Grinse-Pause. "Es ist ganz schön scheiße", sagt sie. "Immer diese Hoffnung zu haben, dass sich was geändert hat." Dann kommt Bewegung in das Sitzarrangement, eine teil-beige Seniorengruppe in Kalauerlaune belegt den Nebentisch: "Ich habe es im Rückspiegel genau gesehen, dein Hosenstall war vorhin offen!" – "Wo ein Toter liegt, muss Luft ran."

Mir wird auch nach Stunden nicht langweilig, es gibt immer etwas zum Hinschauen und Ablauschen, wie in einem handlungsschwachen, dafür enorm personalstarken Theaterstück: Auftritt Kleingruppe ledrig gegerbter, fideler Sylt-Rentner. Zwei junge Schmuckhühner mit Perlenketten – seitlich ab. Immer neue interessante Kleinstdarsteller treten auf: der Zopfmann, der einen an das Pferdevolk aus Game of Thrones erinnert, die paar Jungs, die zunehmend maulig auf Popo und Kalli warten. Und der Tiroler Knabe, der seinen Eltern ungebremst entgegenblökt: "I wüüh Currywurscht!"

Vielleicht lassen sich die Menschen hier bereitwilliger gehen, öffnen gleichmütiger die Schleusen für die Empfindungen, die sich in der Enge eines überfüllten Autos angestaut haben. Womöglich streiten sie schamloser miteinander, und es ist ihnen schnurzer, was andere über sie denken, weil sie wissen: Ich bin gleich wieder weg. Eigentlich ja nicht mal richtig da.

Ich fühle mich wunderbar, wie ich so in diesem Betonriegel über der Autobahn sitze, in die Dunkelheit schaue und mich für vorbeiflitzende Augenblicke in die Autos unter mir hineinträume. Aber ich muss weiter, zur Unterkunft in der Nähe von Ratingen, die ich reserviert habe. Im Radio ein anderer Sender und derselbe Säuselschmalz – Giesinger ist der Schuldige, höre ich jetzt. Nach sechs besuchten Raststätten an diesem ersten Tag verlasse ich erstmals die Autobahn. Ein grober Fehler.
Die Bockwurst ist immer schon da

Ich hatte mich vom Namen der Unterkunft verleiten lassen: Motel Hösel heißt das Etablissement, bei dem ich sofort innerlich glucksend an einen Didi-Hallervorden-mäßigen Versprecher-Sketch denken musste. Etwa zehn Kilometer von der A 3 entfernt, umfangen von Finsternis, finde ich nach Irrfahrten mit bedrohlich verknapptem Tankinhalt meine Unterkunft. Das Motel ist eigentlich ein "otl", jedenfalls funzeln nur diese Buchstaben vor sich hin, und ich fühle mich plötzlich, als hätte man mir meine schützende Decke weggezogen. Was, wenn ich in der Nacht Appetit auf ein wächsernes Käsebrötchen in Frischhaltefolie bekäme?

Am nächsten Tag schlage ich das vergünstigte Frühstück aus, schnell zurück auf die Autobahn, in die tröstende Sicherheit des Raste-Versorgungsnetzes. Die Strecke zwischen den Raststätten ist lästig, steigert aber auch die Erwartung. Ich liebe die knapp hundert Meter Zubringerstraße vor jeder Station. Die Sekunden, bis ich sehen kann, welche Gastro-Architektur mich dieses Mal erwartet: ein flacher, grünlicher Duckbau wie in Stolpe, ein kühn geschwungenes Dach von fast verzweifelter Modernität wie in Beverbach?

"Dem Straßenverlauf sehr lange folgen", sagt die Navi-Stimme, als ich mein nächstes Fernziel Geiselwind eintippe – für andere Reisende blanker Graus, für mich die herrliche Aussicht auf eine schier endlos lange Kette aufgereihter Rastperlen. Ich denke an die schönste Raststättenwürdigung, die ich kenne: den Reisebericht Die Autonauten aus der Kosmobahn: Der Schriftsteller Julio Cortázar und seine ebenfalls schreibende Frau Carol Dunlop fuhren 1982 in ihrem VW-Bus von Paris nach Marseille, ausgestattet mit zwei Reiseschreibmaschinen, und machten dabei an allen 65 Rastplätzen der Strecke halt. Einen Monat lang dauerte ihre "Erholungskreuzfahrt auf diesem Monstrum der Geschwindigkeit". Sie nahmen sich Zeit für die kleinsten Dinge, auch für das Zeremoniell der gelb-orange uniformierten Müllmänner, die am Rastplatz von Orange-les-Grès die Abfallsäcke leerten.

Langsam fange ich an, mich in ihre poetische Pausensicht einzufühlen. Leider ist es in Beverbach, meiner Frühstücksstation, viel zu schön, um schwelgerische Gedanken zu entwickeln. Es gibt perfekt gewürzte, frisch aufgeschlagene Rühreier, es gibt sogar Trüffelmayo. Ich fremdele und fahre schnell weiter, zurück in die wohlige Vertrautheit normierter Schraddeligkeit. Ähnlich geht es mir, als ich im Restaurant des Maxi-Autohofs Mücke in ein Mittelalterszenarium platze: Die Inneneinrichtung ist, von außen nicht erkennbar, ein Rollenspielertraum aus Fachwerk, Ritterrüstung und Schlachtplanmalerei. Ich will das nicht. Ich will Nullstellen am Wegesrand. Unklare Orte, an denen man sich überlegt, wie die Reise weitergeht, und das kann man ruhig auch metaphorisch sehen. Wo kommen wir her? Wo fahren wir hin?

Ich denke ausführlich über diese Dinge nach, während ich im Riedener Wald ein Stück Schokokuchen esse. Die Conditio humana erscheint mir plötzlich klar wie Kloßbrühe. Satt werden, ausruhen, aufs Klo gehen, das wollen doch alle. Dafür muss gesorgt sein, gerade dann, wenn das Ziel in der Ferne liegt. Die Raststätte ist ein trendfreier und zeitloser Ort, weil auch diese Grundbedürfnisse es sind. Nirgends ist der Mensch fleischlicher. Und nirgends isst der Mensch fleischiger.

Egal, welche Raststätte man anfährt, die Bockwurst ist immer schon da, war immer schon da, wird immer sein. Unerschütterlich steht sie in ihrem Wasserkocher, von Freienhufener Eck Ost bis Hörselgau Nord, von Ohligser Heide West bis Aarbachkate Süd. Wenn die Apokalypse kommt, werden Kakerlaken und Raststättenbockwürste die einzigen Überlebenden sein.

Bizarr aus der Zeit gefallen kommt einem dieser Speisezettel vor, der außer der Wurst noch Schweinenacken, Rinderroulade, Knusperschnitzel und Gulaschsuppe auflistet, erweitert um Extravaganzen wie den "Sattelschlepper", ein Schichtwerk aus Putensteak, Schweinesteak und Würstchen, gekrönt von Kräuterbutter. Raststätten kennen keine Ernährungstrends, sie sind ein voll verfugter Ausstellungskasten unbekümmerter Völlerei. Es rührt mich, wie eine junge Duttfrau in Osterfeld-Ost vergeblich nach einem Gericht sucht, das ansatzweise instagrammable sein könnte. Sie lässt sich den Salat zeigen, schüttelt traurig den Kopf. Keine Chia-Samen, nirgends.

Ich unternehme einen spontanen Konversationsversuch. "Puh, ist ja sicher ganz schön anstrengend, wenn während der ersten Ferientage alle gleichzeitig Lust auf ein Erdbeereis haben!", sage ich zur Frau an der Kasse. "Ja", sagt sie, dann nichts mehr, weil es vermutlich auch nicht mehr zu sagen gibt in diesem Mikrokosmos jenseits von Raum und Zeit. Der einzige Bezugspunkt ist das eigene Spiegelbild hinter den sechs Spuren Autostrom: In der anderen Fahrrichtung liegt Osterfeld-West, die Schwesterraststätte. Treibt die beiden wohl eine ewige Rivalität, ähnlich wie die beiden Spülmittelwerbungsdörfer Villarriba und Villabajo? Beäugt man misstrauisch, ob die im Osten ihren Wurstumsatz schon wieder steigern können? Schnitzt man mürrisch eine Kerbe in den Grilltisch für jeden Reisebus, der im Westen Halt macht?
Nicht ganz der Jakobsweg

Nö, sagt einer der Speisenausteiler in Osterfeld-Ost, beide Raststätten hätten ja denselben Betreiber. Man helfe sich darum schon mal aus, wenn beim anderen die Salatgarnituren oder die Mayofässer knapp werden. Ohnehin ließen sich die Umsätze nicht direkt miteinander vergleichen: "Das Kaufverhalten der Leute ist auf beiden Strecken ganz anders. Meistens fahren sie ja in Richtung Süden, wenn es in den Urlaub geht. Und dann essen sie auf dem Hinweg noch einmal kräftig, weil sie wissen: Es sind noch ein paar Stunden bis Tirol. Auf dem Rückweg müssen sie dann ihre gesammelten Toiletten-Wertgutscheine einlösen und kaufen mehr Zeitschriften und Kaugummis."

Die WC-Bons, das ist die eigene Währung des landesweiten Raststättendorfs. Mit ihnen kann man Waren kaufen, die es sonst nirgends gibt. Die Koffein-Schokolade Schokakola etwa, mit der schon die Piloten im Zweiten Weltkrieg den müden Kreislauf puschten und die immer noch in den rot-weißen Dosen in den Autobahn-Tankstellen steht. Oder das eigentümliche raststättentypische Souvenir-Sortiment.

Cortázar entdeckte auf seiner Reise Senftöpfchen in Form einer Toilette, ich finde im Schickschnack-Laden der Dammer Berge immerhin Likörflaschen in Form eines Damen-Stöckelschuhs, anderswo ein Sortiment von Hundewarnschildern mit extrem spezieller Zielgruppe: "Hier wohnt der verwöhnteste Shi-tzu der Welt" und "Dieses Haus hütet ein chinesischer Schopfhund". Universeller einsetzbar scheint das Toilettenpapier "mit versauten Witzen", ein Souvenir-Artefakt wie aus einer anderen Zeit.

Es sind diese Drehständer, in denen sich letzte Schwundstufen regionaler Besonderheiten finden. Fastfood- und Kaffeeketten haben längst das Gros der Raststätten gleich getüncht, wenn man drinnen sitzt, weiß man nicht, wo man draußen ist. Im Brückenrasthaus Frankenwald kann man immerhin ortsverankerte Bocksbeutel im Handschuhfachformat kaufen. An der Raststätte Hirschberg in Thüringen gibt es kleine Schokotafeln, eingepackt in DDR-Spielgeld.

Nach dem Raumgefühl löst sich am zweiten Tag langsam auch mein Zeitgefühl auf. Ein Drittel der Gäste bleibe zwanzig Minuten, der Rest eine halbe Stunde, hatte die Kassiererin im Autohof mit dem schönen Namen Lohfeldener Rüssel geschätzt. Bleibt man länger, viel länger als vorgesehen, zerfließt die Zeit vielleicht nicht wie in einem Dalí-Uhrenbild, aber wenigstens wie die Vokale des unvermeidlichen neuesten Hits von Max Giesinger, den ich längst auswendig kann. "Tüüüüsssssch" singt er, nicht "Tisch", und ich mache einfach mit und freue mich an diesem Auslöschungsgefühl.

Halbzeit in Mittelfranken: Ein Zimmerbrunnen gluckert (und regt vermutlich perfide den Sanifair-Bonumsatz an). Nichts um mich herum stört die Beschaulichkeit der Rast, auch das ist selten geworden. Kein einziger Laptop klappert in diesen drei Tagen, niemand macht mir das schlechte Gewissen, dass ich eigentlich ja auch beim Pausieren zumindest noch ein kleines bisschen betriebsam sein könnte, schnell mal Mails checken, kurz antworten. Und nichts passiert, was einen aus der Ruhe reißen könnte. "Leere mit Dekor", nannte das Cortázar.

Die zweite Nacht schlafe ich in Sichtweite der Autobahn. Ich habe dazugelernt und mir ein Zimmer im Hotel des Autohofs Strohofer gemietet, gleich gegenüber dem fränkischen Freizeitpark Geiselwind. Einkehren können, ohne irgendwo ankommen zu müssen, fantastisch. "Dem Hotelflur sehr lange folgen", denke ich, als ich das schlauchförmige Gebäude auf der Suche nach meinem Zimmer abgehe. Dann stehe ich auf einer Kirchenempore: Die Autobahnkirche der Anlage ist direkt an das Hotel gebaut. Ich kann sie nachts bequem im Schlafanzug mit ein paar Schritten über den Flur erreichen, falls ich die fast mönchshafte Meditation auf der ewig gleichen Bahn vermisse. Nicht ganz der Jakobsweg, okay, aber definitiv eine Reise mit echten Einkehr-Momenten. Die schöne Stille. Das ommmmige Motorenbrummen. Die Speisung der Fünftausend.

Mir fällt der leicht angekauzte Esoterik-Führer Magische Orte in Bayern ein. Dort wird behauptet, an Raststätten könne man die Kraft des Universums besonders stark spüren, das erkläre sich ja ganz einfach aus physikalischen Gesetzmäßigkeiten: "Der in zwei Richtungen durchbrausende Verkehr mit seinen gegenläufigen Energien wirkt wie ein Reibungsdynamo. Wie seltsam, dass sich so wenige dessen bewusst sind." Ich kaufe mir im kircheneigenen Souvenirregal für zwei Euro fünfzig eine kleine mobile Andachtsschatulle: eine Streichholzschachtel, darin winzige Kerzen wie für eine Hamster-Geburtstagstorte, darauf steht "Licht auf deinem Weg".

Je näher ich meinem Ziel Berlin komme, umso trauriger werde ich. Ich weiß, bald habe ich nicht mehr die Ruhe, stundenlang gemütlich an einem leicht klebrigen Tisch zu sitzen. Ich weiß, ich muss gleich wieder zurück in die Welt, in der man nicht eben mal rechts rausfahren kann. Am Abend steige ich vor meinem Haus aus dem Auto, in der einen Hosentasche noch reichlich Klimpergeld für den unkomplizierten Sanifair-Eintritt, in der anderen ungefähr zehn Toiletten-Wertgutscheine. Ihr Rascheln tröstet mich, als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschließe: Sie sind meine Rückfahrkarten, wenn mich das Leben wieder mal rastlos macht.

http://www.zeit.de/2017/34/autobahnrast ... ettansicht
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda

Zurück zu „Bücherei“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast