Anleitung zum Unglücklichsein

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Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Matthias » 02.04.2007 - 21:55

Guten Abend!

"Nach schwerer Krankheit
Psychologe Paul Watzlawick ist tot

Nach langer und schwerer Krankheit ist der Psychologe, Soziologe und Publizist Paul Watzlawick am Samstagabend im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine letzten Stunden verbrachte er in seinem Haus in Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien, wie seine Familie eine Mitteilung des dortigen Mental Research Institutes bestätigte.

Der gebürtige Österreicher arbeitete seit 1960 als Psychotherapeut und Forscher an dem Institut. Er untersuchte vor allem die menschliche Kommunikation und ihre Störungen. Große Bekanntheit erlangte Watzlawick durch seine mit viel Witz geschriebenen Psychologiebücher. Seine "Anleitung zum Unglücklichsein" aus dem Jahr 1983, eine gelungene Parodie auf die Ratgeberliteratur, verkaufte sich allein in Deutschland über eine Million Mal."

Ein Grund, dieses wichtige Buch mal wieder aus dem Nachtkastl hervorzuziehen.

Gruß und Dank (!)
Matti
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Beitragvon Beda » 27.12.2007 - 14:43

Hallo zusammen,
so zwischen Weihnachten und Neujahr der Hinweis für alle, die dieses Buch noch nicht kennen.
Eigentlich ist es unbezahlbar:

Bild

Jokers hat geschrieben:Der Millionen-Bestseller als Sonderausgabe.
Psychotherapeut Paul Watzlawick (1921 - 2007) schenkt Ihnen mit tiefsinnigen Gedanken und amüsanten Geschichten den Schlüssel zum Glück. Denn meist geben wir uns viel zu viel Mühe, unseren Alltag geradezu unerträglich zu machen. Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie begreifen, warum Sie immer in der falschen Schlange stehen. Und das eigentlich auch vorher schon wissen... »Der Erfolg des Buches beweist, dass es diese Art von Klugheit ist, die heute gebraucht wird.« (DIE WELT)
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

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Beitragvon Matthias » 16.04.2008 - 20:23

Salve!

Ich hänge es mal hier mit an, damit wir nicht lauter Minithreads bekommen (die außerdem so gar nichts mit unserem Forumsthema zu tun haben...).

Zitat:
"Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenleben auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Das Buch dazu:
"Der Mythos des Sisyphos" von Albert Camus.

Grüße
Matti
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Matthias » 26.01.2010 - 21:44

Nochmal Salve!

Vor ein paar Tagen überkam mich die seltsame und vollkommen unwiderstehliche Lust, "Momo" von Michael Ende wieder zu lesen. Also habe ich das nicht mehr ganz frische Exemplar aus einem der Regale genommen, mal kurz drüber geblasen und begonnen zu lesen.
Und ja, es ist immer noch ein phantastisches Buch!
Eine Anleitung zum Glücklichsein.

So, und jetzt könnt Ihr mich endgültig für senil und dem alten Eisen zugehörig erklären. Oder kindisch, was ja wohl so ziemlich dasselbe ist.

Grüße vom Weissen


Ach ja: eine Schildkröte kommt auch drin vor. Und Autos. Aber die sind alle grau.
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon hapaai » 27.01.2010 - 13:22

Matthias hat geschrieben:
So, und jetzt könnt Ihr mich endgültig für senil und dem alten Eisen zugehörig erklären. Oder kindisch, was ja wohl so ziemlich dasselbe ist.


Werde mal drüber nachdenken :mrgreen: welche Einschätzung Du von mir bekommst.

...eigentlich hasse ich alle Arten von Anleitungen... ausser ich komm gar nicht mehr weiter....
RTFM - read the fu***ng manual....


Grüße, Walter
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Re:

Beitragvon hapaai » 27.01.2010 - 13:45

Matthias hat geschrieben:Zitat:
"Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenleben auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Das Buch dazu:
"Der Mythos des Sisyphos" von Albert Camus.


Hi,
da muss ich mich schon fragen über die unfundierte Aussage des Zitats:
Macht ein ausgefülltes Leben, alleine schon einen Selbstzweck erfüllend, einen glücklichen Menschen?
oder
Ist es ein mühsamer, andauernder, ungewinnbarer Kampf gegen Gipfel, der einen glücklichen Menschen ausmacht.

Meine Antwort: zweimal Nein.
Noch dazu die Respektlosigkeit des Zitats gegenüber antiker Literaten. Sollte nicht letztenlich Strafe und Leid mit Sysiphos absichtlich positioniert werden. Die obige Aussage pervertiert!

Grüße, Walter
der bei dem Zitat an zusammengebundene Testudinate denkt....
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Schlappohr » 27.01.2010 - 14:30

Servus Walter,
ich denke man muss streng zwischen dem Homerschen Sisyphos und dem Gedankenweg von Camus trennen und auch verstehen dass er auf der Suche nach einem neuen philosophischen Ansatz war dem Absurden zu begegnen und die Thematik Selbstmord zu verarbeiten.
Wie immer - ein Satz verzerrt. Vielleicht magst Du ja mal wenn Du Zeit und Lust hast das ganze Kapitel lesen?
Viel Spaß
Florian, der allerdings glaubt das Camus ein genialer Selbstbetrüger war

IV. DER MYTHOS VON SISYPHOS
Der ewige Rebell
Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte. Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, daß es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.
Wenn man Homer Glauben schenken will, war Sisyphos der weiseste und klügste unter den Sterblichen. Nach einer anderen Überlieferung jedoch betrieb er das Gewerbe eines Straßenräubers. Ich sehe darin keinen Widerspruch. Über die Gründe, weshalb ihm in der Unterwelt das Dasein eines unnützen Arbeiters beschert wurde, gehen die Meinungen
auseinander. Vor allem wirft man ihm eine gewisse Leichtfertigkeit im Umgang mit den Göttern vor. Er gab ihre Geheimnisse preis. Egina, die Tochter des Asopos, wurde von Jupiter entführt. Der Vater wunderte sich über ihr Verschwinden und beklagte sich darüber bei Sisyphos. Der wußte von der Entführung und wollte sie Asopos unter der Bedingung verraten, daß er der Burg von Korinth Wasser verschaffte. Den himmlischen Blitzen zog er den Segen des Wassers vor. Dafür wurde er in der Unterwelt bestraft. Homer erzählt uns auch, Sisyphos habe den Tod in Ketten gelegt. Pluto konnte den Anblick seines stillen, verödeten Reiches nicht ertragen. Er verständigte den Kriegsgott, der den Tod aus den Händen seines Überwinders befreite.
Außerdem heißt es, Sisyphos wollte, als er zum Sterben kam, törichterweise die Liebe seiner Frau erproben. Er befahl ihr, seinen Leichnam unbestattet auf den Markt zu werfen. Sisyphos kam in die Unterwelt. Dort wurde er von ihrem Gehorsam, der aller Menschenliebe widersprach, derart aufgebracht, daß er von Pluto die Erlaubnis erwirkte, auf die Erde zurückzukehren und seine Frau zu züchtigen. Als er aber diese Welt noch einmal geschaut, das Wasser und die Sonne, die warmen Steine und das Meer wieder geschmeckt hatte, wollte er nicht mehr ins Schattenreich zurück. Alle Aufforderungen, Zornausbrüche und Warnungen fruchteten nichts. Er lebte noch viele Jahre am Golf, am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde und mußte erst von den Göttern festgenommen werden. Merkur packte den Vermessenen beim Kragen, entriß ihn seinen Freunden und brachte ihn gewaltsam in die Unterwelt zurück, in der sein Felsblock schon
Kurz und gut: Sisyphos ist der Held des Absurden. Dank seinen Leidenschaften und dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Haß gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter aufgewogen, bei der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt. Damit werden die Leidenschaften dieser Erde bezahlt.

Über Sisyphos in der Unterwelt wird uns nichts weiter berichtet. Mythen sind dazu da, von der Phantasie belebt zu werden. So sehen wir nur, wie ein angespannter Körper sich anstrengt, den gewaltigen Stein fortzubewegen, ihn hinaufzuwälzen und mit ihm wieder und wieder einen Abhang zu erklimmen; wir sehen das verzerrte Gesicht, die Wange, die sich an den Stein schmiegt, sehen, wie eine Schulter sich gegen den erdbedeckten Koloß legt, wie ein Fuß ihn stemmt und der Arm die Bewegung aufnimmt, wir erleben die ganz menschliche Selbstsicherheit zweier erdbeschmutzter Hände. Schließlich ist nach dieser langen Anstrengung (gemessen an einem Raum, der keinen Himmel, und an einer Zeit,
die keine Tiefe kennt) das Ziel erreicht. Und nun sieht Sisyphos, wie der Stein im Nu in jene Tiefe rollt, aus der er ihn wieder auf den Gipfel wälzen muß. Er geht in die Ebene hinunter.

Auf diesem Rückweg, während dieser Pause, interessiert mich Sisyphos. Ein Gesicht, das sich so nahe am Stein abmüht, ist selber bereits Stein ! Ich sehe, wie dieser Mann schwerfälligen, aber gleichmäßigen Schrittes zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig
wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewußtseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verläßt und allmählich in die Höhlen der Götter entschwindet, ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels. Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewußt ist. Worin bestünde tatsächlich seine Strafe, wenn ihm bei jedem Schritt
die Hoffnung auf Erfolg neue Kraft gäbe? Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen der Arbeiter bewußt wird. Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage: über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, daß durch Verachtung nicht überwunden werden kann.
Fluch und Seligkeit Wenn der Abstieg so manchen Tag in den Schmerz führt, er kann doch auch in der Freude enden. Damit wird nicht zuviel behauptet. Im sehe wieder Sisyphos vor mir, wie er zu seinem Stein zurückkehrt und der Schmerz von neuem beginnt. Wenn die Bilder der Erde zu sehr im Gedächtnis haften, wenn das Glück zu dringend mahnt, dann steht im Herzen des Menschen die Trauer auf: das ist der Sieg des Steins, ist der Stein selber. Die gewaltige Not wird schier unerträglich. Unsere Nächte von Gethsemane sind das. Aber die niederschmetternden Wahrheiten verlieren an Gewicht, sobald sie erkannt werden. So gehorcht Ödipus zunächst unwissentlich dem Schicksal. Erst mit Beginn seines Wissens hebt seine Tragödie an. Gleichzeitig aber erkennt er in seiner .Blindheit und Verzweiflung, daß ihn nur noch die kühle Hand eines jungen Mädchens mit der Welt verbindet. Und nun fällt ein maßloses Wort: „Allen Prüfungen zum Trotz -mein vorgerücktes Alter und die Größe meiner Seele sagen mir, daß alles gut ist.“ So formuliert der Ödipus des Sophokles
(wie Kirilow bei Dostojewskij) den Sieg des Absurden. Antike Weisheit verbindet sich mit modernem Heroismus.

Man entdeckt das Absurde nicht, ohne in die Versuchung zu geraten, irgendein Handbuch des Glücks zu schreiben. „Was ! Auf so schmalen Wegen. ..?“ Es gibt aber nur eine Welt.Glück und Absurdität entstammen ein und derselben Erde. Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Irrtum wäre es, wollte man behaupten, daß das Glück zwangsläufig der Entdeckung des Absurden entspringe. Wohl kommt es vor, daß das Gefühl des Absurden dem Glück entspringt. „Ich finde, daß alles gut ist“, sagt Ödipus, und dieses Wort ist heilig. Es wird in dem grausamen und begrenzten Universum des
Menschen laut. Es lehrt, daß noch nicht alles erschöpft ist, daß noch nicht alles ausgeschöpft wurde. Es vertreibt aus dieser Welt einen Gott, der mit dem Unbehagen und mit der Vorliebe für nutzlose Schmerzen in sie eingedrungen war. Es macht aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muß. Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. Ebenso läßt der absurde Mensch, wenn er seine Qual bedenkt, alle Götzenbilder schweigen. Im Universum, das plötzlich wieder seinem Schweigen
anheimgegeben ist, werden die tausend kleinen, höchst verwunderten Stimmen der Erde laut. Unbewußte, heimliche Rufe, Aufforderungen aller Gesichter bilden die unerläßliche Kehrseite und den Preis des Sieges. Ohne Schatten gibt es kein Licht; man muß auch die Nacht kennenlernen. Der absurde Mensch sagt Ja, und seine Mühsal hat kein Ende mehr.
Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verächtlich findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Zeit. Gerade in diesem Augenblick, in dem der Mensch sich wieder seinem Leben zuwendet (ein Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt), bei dieser leichten
Drehung betrachtet er die Reihe unzusammenhängender Taten, die sein Schicksal werden, seine ureigene Schöpfung, die in seiner Erinnerung geeint ist und durch den Tod alsbald besiegelt wird. Überzeugt von dem rein menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ist er also immer unterwegs - ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat. Der Stein rollt wieder. Ich verlasse Sisyphos am Fuße des Berges ! Seine Last findet man immer wieder. Nur lehrt Sisyphos uns die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. Auch er findet, daß alles gut ist. Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jeder Splitter dieses durchnächtigten Berges bedeutet allein für ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.


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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Beda » 27.01.2010 - 15:06

Hallo zusammen,
wo wir gerade dabei sind:
viewtopic.php?f=11&t=8763&p=94676&hilit=pirsig#p94676
http://de.wikipedia.org/wiki/Zen_und_die_Kunst_ein_Motorrad_zu_warten hat geschrieben: Qualitätsbegriff

Im Mittelpunkt der Philosophie, die Pirsig in Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten entwickelt, steht der Begriff der „Qualität“. Dieser Begriff kann sowohl erkenntnistheoretisch als auch metaphysisch aufgefasst werden. „Qualität“ geht einer Aufspaltung der Wahrnehmung voraus, aus der Subjektives und Objektives, Geistiges und Körperliches hervorgeht. Der Qualitätsbegriff ist somit eine Antwort auf dualistische Denkweisen.

Ein besonderes Kennzeichen der „Qualität“ ist Dynamik. Dies steht im Gegensatz zur Wahrnehmung von den Dingen in der Welt, die als statisch erscheinen. Pirsig definiert „Qualität“ diesbezüglich als Ereignis.[5] Als solches ist „Qualität“ nie komplett erfassbar. Folglich kann „Qualität“ auch nicht im naturwissenschaftlichen Sinne wie ein abgegrenztes Untersuchungsobjekt beobachtet werden. Pirsig betont häufig, dass sich „Qualität“ nicht „definieren“ lasse.[6] In seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen geht Pirsig von einem prä-intellektuellen Bewusstsein aus, das sich auf „Qualität“ bezieht, und das er „Qualitätsbewusstsein“ nennt. Das „Qualitätsbewusstsein“ entspricht nicht dem alltäglichen Verständnis von Bewusstsein oder Intellekt als Erfassen von statischen Dingen in der Welt oder als Sammlung feststehender Verstandesbegriffe.[7] Alles intellektuell (durch den Verstand) Erfasste und Abgegrenzte ist für Pirsig nachträglich gegenüber dem Qualitätsbewusstsein. Diese Nachträglichkeit betrifft auch die Trennung der Welt in Subjekte und Objekte, in erkannte Gegenstände und erkennende Menschen. Menschliches Handeln und Sprechen beruhen für Pirsig darauf, im vorbewussten, prä-intellektuellen Qualitätsbewusstsein Analogien zu früheren Erfahrungen zu finden.[8]

Zur Verdeutlichung und Illustration des Qualitätsbegriffs verwendet Pirsig das Beispiel eines Güterzuges.[9] An diesem Beispiel lassen sich zwei Betrachtungsweisen unterscheiden: (1) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein statisches Gebilde aus Lokomotive und einzelnen Waggons erscheint, wie auf einer Fotografie; (2) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein dynamisches Gebilde erscheint, das fährt und dabei Strecke zurücklegt. Es handelt sich um zwei Arten und Weisen, dasselbe zu betrachten. In der ersten Betrachtungsweise ist der Zug in Form von Einzelteilen behandelt. Pirsig nennt das Resultat dieser Betrachtungsweise „klassisches Wissen“ oder „klassische Qualität“. In der zweiten Betrachtungsweise ist der Zug in Bewegung betrachtet, und dabei fokussiert Pirsig genau auf den vordersten Teil, den er als „Leitkante der Lokomotive“ bezeichnet. Das Resultat dieser zweiten Betrachtungsweise nennt Pirsig „romantisches Wissen“ oder „romantische Qualität“.

Mit Hilfe der zweiten Betrachtungsweise verdeutlicht Pirsig das, was er unter „Qualität“ versteht. Er bezeichnet das Gleis, auf dem der Zug fährt, als „Qualitätsgleis“. Die Perspektive ist auf die vorderste Seite des Zuges und auf die Bewegung verschoben. Aus dieser Perspektive ist das Gleis und sein weiterer Verlauf nicht (oder nur sehr wenig) einsehbar. Anders als in der ersten („klassischen“) Betrachtungsweise, in der ein Zug auf einem festgelegten Gleis fährt, ist das Gleis der zweiten („romantischen“) Sichtweise nicht vorher festgelegt. Für den Beobachter an der Leitkante des Zuges entsteht das Gleis mitsamt des Zuges im Moment des Fahrens. Einteilungen der Wahrnehmung in einen Zug mit einzelnen Waggons, der einem Gleisverlauf folgt, entstehen gegenüber dieser Sichtweise erst später. Dazu muss der Beobachter sich von der Vorderkante des Zuges entfernen.

Pirsig nennt diesen Zug auch „Wissenszug“.[10] In erkenntnistheoretischer Interpretation verdeutlicht das Beispiel des Zuges den Prozess des Erkennens oder Erfahrens.[11] Der Erkenntnisprozess ist ereignishaft und findet an der „Vorderkante der Zeit“ statt.[12] Im Moment des Erkennens bestehen noch keine Einteilungen und Abgrenzungen. Einteilungen sind notwendig, aber sie entstehen erst nachträglich. Sie sind im „Wissenszug“ durch die einzelnen Waggons symbolisiert, die hinter der Lokomotive angeordnet sind. Der so beschriebene Erkenntnisprozess geht sämtlichen Dualismen voraus.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Matthias » 27.01.2010 - 15:38

Es sind zwar alles nur Schubladen, somit Notbehelfe, aber Camus sah sich als Existentialist und Atheist. Dazu hat er das Buch 1942 beendet, also mitten im Krieg und zu einer Zeit, wo Frankreich besetzt war.

Es geht mir allerdings wie Walter: ich wehre mich gegen einen Glücksbegriff, der sich aus dem Annehmen eines unvermeidlichen Schicksals herleitet. Aber das ist vielleicht auch eine Frage des Alters, um mal ganz platt zu mutmaßen.

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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon hapaai » 27.01.2010 - 17:01

Wertes philosophische Dreigestirn,

Schlappohr hat geschrieben:Servus Walter,
ich denke man muss streng zwischen dem Homerschen Sisyphos und dem Gedankenweg von Camus trennen

und dazu hab ich keine rechte Lust....
Sisyphos ist Sisyphos, da bin ich recht engstirnig. Das Einzige was mir noch dazu einfällt ist Wolfgang Borchert oder der Bruder seines Onkels.

Schlappohr hat geschrieben:und auch verstehen dass er auf der Suche nach einem neuen philosophischen Ansatz war dem Absurden zu begegnen und die Thematik Selbstmord zu verarbeiten.
Wie immer - ein Satz verzerrt.

Tja und das muss ich nicht verstehen. Da kommt einer daher, pickt sich was auch der griechischen Mythologie, seziert es und rotzt neu zusammengesetzt wieder hin. Nicht mein Ding.
Und dann noch Zitate! Zitate mag ich nicht. Erinnert mich an Kalendersprücherl...

Schlappohr hat geschrieben:Vielleicht magst Du ja mal wenn Du Zeit und Lust hast das ganze Kapitel lesen?
Viel Spaß

Ich glaub das reicht nicht Verständis für Kontroverse zu wecken


Schlappohr hat geschrieben:PS: Du weisst doch dass man aus zusammengebundenen Testudinatas was Hübsches basteln kann...

Ach nee. Was war das gleich wieder????

Matthias hat geschrieben:Es geht mir allerdings wie Walter: ich wehre mich gegen einen Glücksbegriff, der sich aus dem Annehmen eines unvermeidlichen Schicksals herleitet.

Freut mich nicht allein zu sein ...damit....
Matthias hat geschrieben:Aber das ist vielleicht auch eine Frage des Alters, um mal ganz platt zu mutmaßen.

Was soll das jetzt heißen? Geistiges Alter? Willst Du mich geistig nah' der Senilität rücken oder Dich nur jünger machen? :duck:

Und dann kommt Beda noch mit „romantisches Wissen“ oder „romantische Qualität“ daher. Das hat mir heut den Rest gegeben. :idee03: Muss erstmal verarbeiten, nachdenken bis ich kommentiere.


an Momo denkend Euer Walter
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Schlappohr » 27.01.2010 - 18:08

:rofl:

Ihr habts gut - das Feierabendbier ist nahe...

Mir ist das klassische Orschinal auch lieber - ebendeswegenundgenaudrum ist es nicht gut, wenn ein kommunistischer Fastgegenwarts-Franzose aus Algerien über einen von einem 2800jährigen Griechen beschriebenen virtuellen noch älteren Griechen schreibt eine Werkstreue zu erwarten. Puuuhh...

Kurz und kanpp reduziert sich alles auf die Kernfrage ob es etwas nach dem Tod gibt und da scheiden sich nun mal die Geister, zumal sich das mit der Beweisführung als etwas schwierig darstellt. Aber vielleicht hat Apple auch dafür in ein paar Jahren eine hübsche Lösung.

Alles andere: Lagerfeuergespräch - wenns nix besseres mehr zu beratschen gibt

Für mich ist Camus ein armer Kerl - wenn man sich kurzfristig zu einer Autofahrt bequatschen lässt und dann als Beifahrer mit der nichtentwerten Zugfahrkarte in der Tasche bei einem Autounfall stirbt macht es schon Sinn sich Gedanken über die Unausweichlichkeit des Todes zu machen...

Grüße
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Matthias » 27.01.2010 - 18:56

Aber die Gedanken hat er sich doch vor der Autofahrt gemacht, oder?

Cheers: Matti
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Beda » 27.01.2010 - 19:32

Hi,
na dann schließen wir doch den Kreis!
Aber es war ein geiles Auto:

Bild

Bild

http://de.wikipedia.org/wiki/Facel
http://mtmkobbe.blogspot.com/2010/01/al ... -full.html
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Re: Anleitung zum Unglücklichsein

Beitragvon Beda » 23.05.2017 - 16:35

Beda hat geschrieben:Hallo zusammen,
wo wir gerade dabei sind:
viewtopic.php?f=11&t=8763&p=94676&hilit=pirsig#p94676
http://de.wikipedia.org/wiki/Zen_und_die_Kunst_ein_Motorrad_zu_warten hat geschrieben: Qualitätsbegriff

Im Mittelpunkt der Philosophie, die Pirsig in Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten entwickelt, steht der Begriff der „Qualität“. Dieser Begriff kann sowohl erkenntnistheoretisch als auch metaphysisch aufgefasst werden. „Qualität“ geht einer Aufspaltung der Wahrnehmung voraus, aus der Subjektives und Objektives, Geistiges und Körperliches hervorgeht. Der Qualitätsbegriff ist somit eine Antwort auf dualistische Denkweisen.

Ein besonderes Kennzeichen der „Qualität“ ist Dynamik. Dies steht im Gegensatz zur Wahrnehmung von den Dingen in der Welt, die als statisch erscheinen. Pirsig definiert „Qualität“ diesbezüglich als Ereignis.[5] Als solches ist „Qualität“ nie komplett erfassbar. Folglich kann „Qualität“ auch nicht im naturwissenschaftlichen Sinne wie ein abgegrenztes Untersuchungsobjekt beobachtet werden. Pirsig betont häufig, dass sich „Qualität“ nicht „definieren“ lasse.[6] In seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen geht Pirsig von einem prä-intellektuellen Bewusstsein aus, das sich auf „Qualität“ bezieht, und das er „Qualitätsbewusstsein“ nennt. Das „Qualitätsbewusstsein“ entspricht nicht dem alltäglichen Verständnis von Bewusstsein oder Intellekt als Erfassen von statischen Dingen in der Welt oder als Sammlung feststehender Verstandesbegriffe.[7] Alles intellektuell (durch den Verstand) Erfasste und Abgegrenzte ist für Pirsig nachträglich gegenüber dem Qualitätsbewusstsein. Diese Nachträglichkeit betrifft auch die Trennung der Welt in Subjekte und Objekte, in erkannte Gegenstände und erkennende Menschen. Menschliches Handeln und Sprechen beruhen für Pirsig darauf, im vorbewussten, prä-intellektuellen Qualitätsbewusstsein Analogien zu früheren Erfahrungen zu finden.[8]

Zur Verdeutlichung und Illustration des Qualitätsbegriffs verwendet Pirsig das Beispiel eines Güterzuges.[9] An diesem Beispiel lassen sich zwei Betrachtungsweisen unterscheiden: (1) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein statisches Gebilde aus Lokomotive und einzelnen Waggons erscheint, wie auf einer Fotografie; (2) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein dynamisches Gebilde erscheint, das fährt und dabei Strecke zurücklegt. Es handelt sich um zwei Arten und Weisen, dasselbe zu betrachten. In der ersten Betrachtungsweise ist der Zug in Form von Einzelteilen behandelt. Pirsig nennt das Resultat dieser Betrachtungsweise „klassisches Wissen“ oder „klassische Qualität“. In der zweiten Betrachtungsweise ist der Zug in Bewegung betrachtet, und dabei fokussiert Pirsig genau auf den vordersten Teil, den er als „Leitkante der Lokomotive“ bezeichnet. Das Resultat dieser zweiten Betrachtungsweise nennt Pirsig „romantisches Wissen“ oder „romantische Qualität“.

Mit Hilfe der zweiten Betrachtungsweise verdeutlicht Pirsig das, was er unter „Qualität“ versteht. Er bezeichnet das Gleis, auf dem der Zug fährt, als „Qualitätsgleis“. Die Perspektive ist auf die vorderste Seite des Zuges und auf die Bewegung verschoben. Aus dieser Perspektive ist das Gleis und sein weiterer Verlauf nicht (oder nur sehr wenig) einsehbar. Anders als in der ersten („klassischen“) Betrachtungsweise, in der ein Zug auf einem festgelegten Gleis fährt, ist das Gleis der zweiten („romantischen“) Sichtweise nicht vorher festgelegt. Für den Beobachter an der Leitkante des Zuges entsteht das Gleis mitsamt des Zuges im Moment des Fahrens. Einteilungen der Wahrnehmung in einen Zug mit einzelnen Waggons, der einem Gleisverlauf folgt, entstehen gegenüber dieser Sichtweise erst später. Dazu muss der Beobachter sich von der Vorderkante des Zuges entfernen.

Pirsig nennt diesen Zug auch „Wissenszug“.[10] In erkenntnistheoretischer Interpretation verdeutlicht das Beispiel des Zuges den Prozess des Erkennens oder Erfahrens.[11] Der Erkenntnisprozess ist ereignishaft und findet an der „Vorderkante der Zeit“ statt.[12] Im Moment des Erkennens bestehen noch keine Einteilungen und Abgrenzungen. Einteilungen sind notwendig, aber sie entstehen erst nachträglich. Sie sind im „Wissenszug“ durch die einzelnen Waggons symbolisiert, die hinter der Lokomotive angeordnet sind. Der so beschriebene Erkenntnisprozess geht sämtlichen Dualismen voraus.

Hallo Gemeinde,
am 24.04.2017 ist Robert Pirsig mit 88 Jahren gestorben.
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