Die seltsamsten Orte

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Die seltsamsten Orte

Beitragvon Matthias » 11.12.2016 - 18:11

Hi,

wer noch ein Weihnachtsgeschenk für geophile Mitmenschen braucht:
http://www.chbeck.de/Bonnett-seltsamsten-Orte-Welt/productview.aspx?product=14274248

Grüße
Matti
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Re: Die seltsamsten Orte

Beitragvon Beda » 14.12.2016 - 17:37

http://www.chbeck.de/fachbuch/zusatzinfos/Leseprobe_Die-seltsamsten-Orte-der-Welt.pdf hat geschrieben:Die Aralkum-Wüste

44°45’37” nördlicher Breite; 62°09’27’’ östlicher Länge

Die Aralkum-Wüste ist zu neu, zu groß und ihre Grenzen sind zu sehr in Veränderung begriffen, als dass sie auf irgendeiner Karte zu finden wäre.
Diese Wüste nannte man früher einmal Aralsee. Der neue Name gewinnt an Beliebtheit, auch wenn er bei weitem
nicht so exotisch ist, wie er klingt. «Kum» ist usbekisch und bedeutet schlicht «Wüste».
In der Geographie gilt die «physische Karte» üblicherweise als eher statische Angelegenheit, insbesondere im Vergleich zur «politischen Karte».
Bei Letzterer sind wir es gewohnt, dass sie regelmäßiger Aktualisierungen bedarf, während wir gleichzeitig an der Vorstellung festhalten, dass die physischen Umrisse und natürlchen Merkmale des Planeten sich nur ganz langsam verändern oder sogar felsenfest sind.
Die Liebe zu «natürlichen Orten» gründet zumindest teilweise in der Überzeugung, dass sie, anders als unsere fragilen Siedlungen und unsteten Grenzen, eigenständig und uralt sind.
Diese Sichtweise ist ein wenig veraltet (man denke an New Moore) und hat die Überzeugung befördert, wonach natürliche Systeme mit Veränderungen stets zurechtkommen;
wenn ein Gefüge aus Flora und Fauna ausstirbt, hält eben einfach ein neues fröhlich Einzug. Die Aralkum ist ein natürlicher Ort, eine leere Wüste, aber auch ein unnatürlicher Ort, der zeigt, dass organische Anpassung mit den Eingriffen des Menschen nicht mehr Schritt halten kann.
Sie ist darüber hinaus ein Ort verstörender Erinnerungen.
Der Aralsee war einst riesig. Mit einer Länge von 426 Kilometern und einer Breite von 284 Kilometern war er einmal der viertgrößte See der Welt.
Jedes Kind, das mit dem Finger über die Karte Zentralasiens fährt, wird auf ihn stoßen, innehalten und sich fragen, wie so ein riesiges Stück Blau so weit von jedem Meer entfernt entstehen konnte.
Man nannte ihn einst das Blaue Meer, und kartographisch erfasst wurde er erstmals 1850. Schon bald ernährte der Aralsee mehrere Fischerflotten und eine ganze Reihe neu ent-
standener Dörfer;
Mitte des vergangenen Jahrhunderts war er von neunzehn Dörfern und zwei großen Städten gesäumt, Aralsk im Norden und Muinak im Süden. Heute liegen die Häfen dieser
beiden Städte kilometerweit vom Wasser entfernt.
Gespeist wurde der Aralsee von einem der längsten Flüsse in Zentralasien, dem Amudarja, der – rechnet man seinen Quellfluss Wachandarja noch dazu – rund 2700 Kilometer gen Norden floss und dort in einem mit Inseln übersäten Delta endete.
Zusammen mit dem Syrdarja, der von Norden in den Aralsee fließt, gelangte damit jede Menge frisches Gebirgswasser in den See. Sowjetische Planer brauchten nicht lange, um das Potenzial dieser Flüsse für die Bewässerung von Baumwollplantagen und Weizenfeldern zu erkennen. Und so begann man in den 1930er Jahren damit, riesige Kanäle zu bauen, mit denen man Wasser aus dem Amudarja und dem Syrdarja abzweigte und auf Millionen Hektar fruchtbaren Landes verteilte.
Professor Agajan Babajew, einer der führenden sowjetischen Desertifikationsexperten, erklärte 1987 in einem Artikel, dass «das Austrocknen des Aral weitaus vorteilhafter ist,
als ihn zu erhalten».
Noch seltsamer klang seine Schlussfolgerung, wonach «zahlreiche Wissenschaftler, darunter auch ich, überzeugt sind, dass das Verschwinden des Sees keine Auswirkungen
auf die Landschaften der Region haben wird». Der Tod des Aralsees wurde also nicht nur prophezeit, sondern aktiv herbeigeführt.
Obwohl der Aralsee in den 1960er Jahren zu schrumpfen begann, wurde die Bewässerung unvermindert fortgeführt, ja die Menge des aus den Flüssen abgezweigten Wassers erreichte erst in den 1980er Jahren ihren Höhepunkt. Ohne die Frischwasserzufuhr aus den Flüssen wurden viele der immer seichteren Bassins des Sees so salzhaltig wie das Meer.
Es entstand eine neue staubige und karge Landschaft. Die Luftverschmutzung machte aus der Gegend einen der weltweit ungesundesten Orte, und die Kindersterblichkeit stieg ebenso rasant wie die Zahl der Atemwegserkrankungen.
Auch auf das Klima wirkte sich der Verlust des Aralsees aus. Eine derart große Wasserfläche hatte das Umland im Winter erwärmt und im Sommer gekühlt. Mit ihrem Verschwinden traten nun immer extremere und zerstörerischere lokale Wetterphänomene auf.
Seit 1960 hat der Aralsee mehr als achtzig Prozent seiner Fläche verloren, seine Wassermenge ist um neunzig Prozent gesunken. Auf Karten aus jüngerer Zeit schwanken Größe und Form des Aralsees enorm:
Mitunter ist er recht exakt dargestellt, nämlich fragmentiert und geschrumpft, doch noch immer wird er gerne in alter Größe und Gestalt präsentiert. Da die Baumwollproduktion in Kasachstan und Usbekistan weiterhin ein wichtiger Wirtschaftszweig ist und in absehbarer Zukunft kaum Aussichten bestehen, dass sich die Situation verbessert, ist es an der Zeit, den Aralsee aus den Weltkarten zu entfernen und an seine Stelle die Aralkum-Wüste zu setzen.
Wer heute den Aral besucht, wird von peitschenden Winden begrüßt, die über die kahle Ebene fegen. Überall liegen ausgebleichte Muscheln und die Überreste ausgeweideter Boote herum; bis zum Horizont ist nichts zu sehen als ausgedörrtes Land.
Die Aralkum-Wüste ist gesäumt von Geisterstädten, verlassenen Fischfabriken und rostenden Bootswerften. Barsa-Kelmes, was auf Kasachisch so viel bedeutet wie «Land ohne Wiederkehr», war einst die größte Insel des Aralsees und ein Naturreservat, das für seine Adler, Hirsche und Wölfe berühmt war. Heute ist es
nichts weiter als ein toter Flecken Land.
1993 gab es nur noch einen einzigen Bewohner dort, der sich zusammen mit ein paar wilden Eseln weigerte, wegzuziehen. Was den ehemaligen Ranger Valentin Skurotskij an die Insel fesselte, war vermutlich die Tatsache, dass seine Mutter dort begraben war.
1998 entdeckte man seine Leiche auf einem Stuhl sitzend, den Kopf in die Hände gestützt.
In Kasachstan und Usbekistan haben die Menschen genug von den traurigen Geschichten und den Schreckensnachrichten über den Aral. In der regionalen Berichterstattung zum Thema ging es in den letzten beiden Jahrzehnten häufig um das Aufstauen und die «Wiedergeburt» des sogenannten Kleinen Aralsees.
Das aber funktionierte nur, wenn man den Rest des Aral aufgab und dem Sand überließ. Der neu errichtete Damm, der das Wasser des Syrdarja im Kleinen Aralsee hält, sorgt dafür, dass noch weniger als bisher Richtung Süden weiterfließt.
2008 stand der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew auf einem neuen Damm in der Nähe von Aralsk und verkündete, eines Tages werde das Wasser in den Hafen der Stadt zurückkehren. Mag sein, dass er dank neuer Dämme und Sperren recht behält.
Der Wasserspiegel des Kleinen Aralsees jedenfalls ist gestiegen, die Wasserqualität hat sich verbessert. Das ist jedoch ein bescheidener Triumph, wenn man ihn mit dem Verlust des Großen Aralsees vergleicht.
Die Aralkum ist nicht einfach nur eine neue riesige Wüste; sie ist auch ein großangelegtes Experiment, das weltweit größte Beispiel für menschengemachte primäre Sukzession. Gemeint ist damit die Entwicklung von pflanzlichem Leben in Gebieten, in denen es an jeglicher Vegetation fehlt.
Klassische Beispiele dafür sind Vulkaninseln wie Surtsey, das 1963 rund dreißig Kilometer südlich von Island aus dem Atlantik auftauchte. Zwei Jahre später fand man die erste Pflanze auf Surtsey, und heute ist ein Großteil der Insel mit Moosen, Flechten, Gräsern und sogar einigen Büschen bedeckt. Dabei handelt es sich um einen natürlichen Prozess, aber gerade der anthropogene, menschengemachte Teil verwandelt ihn in etwas weniger Vorhersehbares. Heutzutage steht hinter den meisten Fällen primärer Sukzession der Mensch, und sie haben nichts mit Vulkanismus oder Gletschern zu tun.
Sie treten vielmehr im Gefolge der toten Landschaften auf, die durch Atomversuche geschaffen wurden, auf Abraumhalden oder Schlachtfeldern oder in den Rissen in den Asphalt- und Pflastersteinwüsten unserer Städte.
Diese Pflanzen sind offenbar derart furchtlose Invasoren, dass man vermuten könnte, das Grün werde, wenn genug Zeit dafür ist, stets zurückkehren und die Herrschaft übernehmen. Es ist noch ein wenig zu früh für endgültige Aussagen, aber im Moment hat es den Anschein, als widerlege Aralkum diese schöne Vorstellung. Der salzige, staubige und oftmals giftige Seeboden sorgt dafür, dass die Bedingungen für neues Leben ausgesprochen hart sind. Ein Forscherteam der Universität Bielefeld hat das begrenzte pflanzliche Leben, das dort Wurzeln schlägt, untersucht. Zusammen mit anderen Experten gelangte man zu der Einschätzung, dass sich die Wüste nur begrünen lässt, wenn der Mensch eingreift und Arten anpflanzt, die nicht nur salzresistent sind, sondern auch die extremen Temperaturen und Winde auf dem ausgetrockneten Seeboden aushalten. Siebzig Prozent der Aralkum sind freilich Salzwüste. Sie mit Leben zu erfüllen wäre eine kostspielige, langwierige und vermutlich undankbare Aufgabe. Die Aralkum, so scheint es, führt uns vor Augen, dass die Natur es zumindest kurzfristig nicht schafft.
Ein von uns Menschen verursachtes Problem lässt sich nur mit unserer Hilfe lösen, aber bislang übersteigt das offenbar unsere Fähigkeiten. Wir sind es gewohnt, natürliche Orte als Orte zu betrachten, die man schützen und hegen kann, aber die Geschichte des Aralsees verweist auf eine angsteinflößende Herausforderung: Es geht nicht mehr darum, Gebiete auszuweisen, die bewahrt werden sollen, sondern wir müssen ganze Ökosysteme und Landschaften in riesigen Dimensionen neu aufbauen.

In der Zwischenzeit gibt die neue Wüste ihre Geheimnisse preis. Offenbar ist die Gegend nicht zum ersten Mal völlig ausgetrocknet. Auf dem alten Seegrund haben kasachische Jäger nämlich die Überreste einer mittelalterlichen Grabstätte gefunden mitsamt menschlichen Knochen, Tongefäßen und Mühlsteinen.
Auch Satellitenbilder zeigten den Verlauf mittelalterlicher Flüsse, die durch die Wüste mäanderten. Diese Erkenntnisse bestätigen eine lokale Legende, wonach der Aralsee einst Land gewesen ist.
Die Folklore der Region hat seither eine Aktualisierung erfahren.
Jetzt hoffen die Veteranen auf eine zweite Überschwemmung, auf eine neue Flut, die ihnen ihr Blaues Meer zurückgibt.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
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Re: Die seltsamsten Orte

Beitragvon MF » 09.06.2017 - 13:44

Moin

Es tut sich was am Aralsee.

Wasser kommt ein wenig zurück.

Gruß Mario
Galloper 2.5 Exceed

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