Radbefestigungen: Theorie und Praxis

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Beda
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Radbefestigungen: Theorie und Praxis

Beitragvon Beda » 23.12.2006 - 13:43

coopers1125 hat geschrieben: was macht man denn in so nem Fall?? 8O
Sieht aus, als ob dem die Radschrauben abgebrochen wären.
Der hat doch echt verloren oder?
oder geht da noch was mit ner Tube Zweikomponenten-Kleber :lol:

Hallo zusammen,
inspiriert unter anderem durch diesen Beitrag mal ein bißchen Theorie und Praxis zum Thema Radbefestigungen.
Stand der Technik bei europäischen Pkw und Llkw ist die nabenzentrierte Befestigung mit Radschrauben.

Bild

Ruiniert man hier das Gewinde in der Nabe, war's das.

Unsere Autos und fast alle jap. Fahrzeug haben Radnaben mit eingepressten Rändelbolzen.

Bild
Bild

Hat man solch einen Bolzen beschädigt, läßt er sich mal mehr, mal weniger einfach auswechseln.
Raus geht es meistens mit Gewalt. Rein geht es normalerweise nur mit einer Presse oder einem Zughammer. Der Versuch, den Bolzen mit der Radmutter einzuziehen, zerstört in der Regel das Gewinde.
Es wäre aber garnicht dumm, auf größeren Ausflügen ein paar einstecken zu haben.

Bei unseren klassischen Galeros sind die Räder nur durch die Muttern zentriert.
Das ist ziemlich ungenau und erklärt auch die häufigen Probleme mit Unwuchten.
Die Praxis der Reifenhändler alle Räder nabenzentriert zu wuchten, macht es natürlich nicht besser.
Der perfekte Reifenspezialist verwendet Spannflansche, die über die Befestigungspunkte zentrieren.

Etwas in der Art will man nie erleben:

Bild Hier fehlt leider das Bild.
Als Ausgleich eine nette Diashow: Fotostream von Frigider Fraggel

Man kann natürlich die Radmuttern nur mit den Fingern "anziehen". Dann erlebt man irgendwann obiges.
Allerdings, bevor es soweit kommt, können div. Kilometer zusammen kommen. Vorher macht sich das lose Rad durch Rumpeln und Poltern bemerkbar. Rechtzeitig bemerkt, sind Felgen, Muttern und Bolzen möglichweise völlig unbeschädigt. Bei beschädigten Bauteilen hilft natürlich nur Auswechseln.

"Nach fest kommt ab."
Wahrscheinlicher ist aber das zu fest angezogene Rad. Der Laie hat in der Regel weder Gefühl noch Vorstellung, wie fest denn die Mutter angezogen werden soll und darf. Bevor er die Schraube abreißt, gibt es aber viele Vorstufen davon.
Die überdehnte Radschraube, die sich wie ein Kaugummi in die Länge zieht. Sie ist über ihren elastischen Bereich hinaus gelängt worden und als Befestigung schon fast nicht mehr vorhanden. Ein so montiertes Rad kann urplötzlich das Weite suchen.
Die Schraube mit dem zerstörten Gewinde, hervorgerufen durch eine Mutter mit dem falschen Gewinde. Unsere Autos haben Gewinde M12x1,5 Nissan z.B. M12x1,25.
Die Schraube reißt beim Versuch, die Mutter zu lösen, ab. Sie kann natürlich schlicht festgerostet sein. Wahrscheinlicher ist, daß der Kegelsitz sich verformt und in das Gewinde gefressen hat.

Bild

Wie ist es denn richtig?
Alle Flächen sollten sauber und leicht geschmiert sein. Wir verwenden Wachsunterboden- bzw. -hohlraumschutz. Dann alle Radmuttern ohne Hebel beidrehen, damit sich das Rad zentrieren kann *. Jetzt alle Muttern mit einem kleinen Hebel auf Spannung bringen. Erst jetzt den Drehmomentschlüssel auspacken und die Räder auf das vorgeschriebene Drehmoment z.B. 120Nm anziehen. Nachziehen nach ein paar km ist eigentlich nicht erforderlich, beruhigt aber die Nerven.

Ach ja:
Das gleiche gilt natürlich für Spurverbreiterungen. Klassiker ist die lose Spurverbreiterung, Folgen siehe oben.
Wenn die Räder richtig montiert sind, gibt vor der Verschraubung erstmal was anderes nach z.B. die Felge oder Radaufhängungsteile.
Hier noch ein Beispiel. Vermutlich sind hier die Muttern festgerostet, vermutlich wurden sie sehr lange nicht kontrolliert. Irgendwann war dann die Vorspannung weg und das Drama nahm seinen Lauf.

Ach ja II:
Es gibt auch Radbefestigungen mit Linksgewinde.
Sehr selten aber es gibt sie.

* Wenn das nicht geht, nicht das nächstgrößere Werkzeug nehmen sondern den Fehler suchen!
Und z.B. Muttern finden, die durch zu festes Anziehen vorgeschädigt sind und deshalb auf dem Gewinde klemmen.
Zuletzt geändert von Beda am 31.10.2008 - 15:56, insgesamt 5-mal geändert.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
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Beitragvon texaner » 23.12.2006 - 15:38

Hallo Beda,

danke für den tollen Beitrag,

darf ich den ausdrucken und der Werkstatt schicken, die mir vor zwei Jahren einen Radbolzen abgerissen haben und mich dann mit 5 Radmuttern nach Hause geschickt haben, mit dem Spruch, >da hängt das ABS mit dran, da gehen wir nicht bei<

Oh man, wenn ich da noch dran denke, wird mir ganz anders, aber es ja Weihnachten und wir vergeben allen Sündern der Autobranche Bild

Viele Grüße
Andreas
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Re: Radbefestigungen: Theorie und Praxis

Beitragvon pcasterix » 23.12.2006 - 20:01

Hallo Beda,

danke für den wirklich hervorragenden Beitrag !


Beda hat geschrieben:Hat man solch einen Bolzen beschädigt, läßt er sich mal mehr, mal weniger einfach auswechseln.
Raus geht es meistens mit Gewalt. Rein geht es normalerweise nur mit einer Presse oder einem Zughammer. Der Versuch, den Bolzen mit der Radmutter einzuziehen, zerstört in der Regel das Gewinde.
Es wäre aber garnicht dumm auf größeren Ausflügen ein paar einstecken zu haben.



Wenn die Möglichkeit besteht könnte man die Radnabe etwas wärmen, das sollte den Einbau des leicht gefetteten Bolzens erleichtern :idee03: :?: .

Frohe Weihnachten

Peter
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Beda
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Beitragvon Beda » 23.12.2006 - 21:23

Hallo Peter,
ich denke auch, daß ein kreativer Schrauber damit zurecht kommen sollte.
Kein Grund ein Fahrzeug in der Wüste zurückzulassen.
Oder andersherum ein guter Grund für ein preiswertes Weihnachtsgeschenk:

Bild ab ca. 25.-Euro
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
FJ

Beitragvon FJ » 23.12.2006 - 21:53

Hallo Beda,
erst mal danke für den Guten Bericht.

Habe verstanden 8O . Werd mir wohl doch mal so ne Drehmomentschlüssel zulegen. :lol:

Euch allen ein Frohes Fest und fahrt vorsichtig.

Gruß FJ
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Beitragvon pcasterix » 23.12.2006 - 22:19

Hallo FJ,

darf man zum neuen Auto gratulieren ?

Viel Glück damit und immer gute Fahrt :super:


Frohe Weihnachten

Peter
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Beitragvon Steffl » 24.12.2006 - 07:41

Hallo Beda,

ich glaube, ich weiss, wer Dich zu dem Beitrag inspiriert hat :D Insofern herzlichen Dank von meiner Seite. Allerdings wird mir auch ganz schlecht, wenn ich das lese und an die Reifenwechsler denke, die ihre "Ausbildung" in Afghanistan gemacht haben und an meinem Pajero rumfummeln. Insofern bin ich manchmal ganz froh, wenn das gute Stueck demnaechst wieder in D gewartet wird.

In jedem Fall werde ich der Zentrierung nochmal nachgehen und daneben stehenbleiben!


Liebe Gruesse und schoene Festtage,
-Steffl-
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Beitragvon motorang » 31.05.2008 - 21:12

Noch ein kleiner nachträglicher Tipp von einem Spurplattenfahrer: nach etwa 1500 km mit 30mm Spurplatten am L300 war bei Passfahrt in Rechtskurven ein rhythmisches Knacken zu hören ... links vorne ... und nach ein paar Kehren auch zu spüren. Der EL war reichlich beladen, ich fürchtete es wär das Radlager und blieb baldmöglichst stehen ... keinen Meter zu früh. Nach Abnehmen des Rades kullerten mir schon einige Muttern entgegen ... die Befestigungsmuttern der Spurplatte.

Ich hatte die letztes Jahr mal angeschraubt (so wie man halt Räder anschraubt), und beim Umstecken von Winter- auf Sommerräder nicht nachgezogen.

Mach ich ab jetzt immer, versprochen!

Bild

Die Gewinde waren aber noch OK, also angezogen und heim.
Alle anderen Spurplatten waren fest.

Gryße!
Andreas, der motorang
L300 4WD Technik-FAQ unter motorang.com/L300
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abgerissene Radmutter

Beitragvon 4doggies » 30.10.2008 - 15:25

Hallo Beda,

habe gerade eben deine Ausführungen über die Radbefestigungen gelesen.
Vielleicht kannst Du mir helfen??:

Beim Versuch gestern meine Reifen zu wechseln ist mir bei der Demontage am rechten Hinterrad eine Radmutter abgerissen. Und zwar oberhalb des Konuses der sich in das Felgenbett presst
Jetzt ist guter Rat teuer.
Bevor ich jetzt in eine Werkstatt fahre, wollte ich dich fragen, ob Du eine Idee hast wie man das Problem
lösen kann? Es ist ein kurzer V60.

Viele Dank für deine Hilfe.

Viele Grüße
Hans-Jürgen
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Beitragvon Beda » 30.10.2008 - 16:02

Hallo Hans-Jürgen,
das heißt, daß das Rad noch an einer Mutter ohne Sechskant hängt?
Da hilft nur Bohren und anschließend den Gewindebolzen auswechseln.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
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Beitragvon 4doggies » 30.10.2008 - 16:10

Hallo Beda,

danke für deine superschnelle Antwort.

Du hast es richtig erkannt, genau das heißt es.

Bohren?:
Rund um den Bolzen die Mutter rausbohren??
Oder
in den Bolzen mit großem Durchmesser??

Viele Grüße
Hans-Jürgen
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Beitragvon hapaai » 30.10.2008 - 16:21

Hallo Hans-Jürgen,
das ist ja saudumm. Der Konus ist noch dran und der Sechskant weg.
Ich bin ja geplagt mit Schraubenproblemen aber da hab ich noch nicht gesehen.
Ich denke gefühlvolles dremmeln, flexen, bohren in und um dem Bolzen herum ist die einzige Möglichkeit, die Felge abzubringen.

In den Bolzen zu bohren wird schwierg, da man mit der Handbohrmaschine schlecht zentrieren kann. Aber irgenwie muss der Bolzen bis zum Konus abgetragen werden um sich dann dem verbleibenden Konus zu widmen.

Gruß, Walter
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Beitragvon Beda » 30.10.2008 - 16:33

einfach mitten rein, wobei sich das Material wahrscheinlich nur mit edelsten Bohrern zerspanen läßt.
Der Bolzen muß in jedem Fall raus.

Sollte es die Bolzen nicht einzeln geben -was ich aber nicht annehme-, gibt es eine neue Radlagerung:

Bild

Auf dem Bild ist die vordere abgebildet. Die hintere ist aber sehr ähnlich.
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

Beda
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Beitragvon 4doggies » 30.10.2008 - 16:50

Hallo Beda, hallo Walter,

vielen Dank für Eure Tips.

Ich muss jetzt mal schauen was ich mache. Ich habe gestern schon so etwas befürchtet.

Bei der letzten Inspektion vor drei Wochen ist der Werkstatt in Österreich genau das bei zwei (!!!!) Muttern passiert. Die haben auf den verbliebenen Konus irgendetwas draufgeschweißt und dann mit viel List und Tücke die Muttern losbekommen. Pro Mutter ca. 1 Stunde. Ich werde die mal anrufen und mal fragen, was die tatsächlich gemacht haben.

Ich werde euch über die Fortschritte berichten.

Viele Grüße
Hans-Jürgen
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Beitragvon Beda » 30.10.2008 - 17:08

4doggies hat geschrieben:Hallo Beda, hallo Walter,
Bei der letzten Inspektion vor drei Wochen ist der Werkstatt in Österreich genau das bei zwei (!!!!) Muttern passiert.
Viele Grüße
Hans-Jürgen

.......und haben Dir nicht sofort 24 neue Radmuttern verkauft? :haue:
Grüße vom Galloperflüsterer ohne Galloper

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